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Lektion 1

'Sei gegrüßt Caesar!' ruft das Volk 'Sei gegrüßt Caesar!' ruft auch Marcus Domitius. Er freut sich sehr, denn gerade tritt der Kaiser ein, Marcus Ulpius Traianus Caesar, Konsul, Tribun und Vater des Vaterlandes. Nun spricht der Kaiser einige Worte. Die Menschenmenge ist still. Sie schweigt und hört. Dann schreit sie zum zweiten mal, denn nun kommt die Bilderprozession: Schau Jupiter und Juno, siehe da Apollo und Diana und sieh Mars und Venus! Sobald das Götterbild der Venus kommt, klatscht Marcus Beifall. Er ist nämlich verliebt - und da sitzt Cornelia! Sieh da! Auch Cornelia klatscht Beifall! Nun freut sich Marcus und lacht, nun gefällt ihm das Schauspiel!

Lektion 2

'Sieh da, das Forum Romanum!' ruft Domitilla, auch die Freundin Drusilla ruft: 'Sieh da die breite Straße!' 'Schau das Colosseum!' ruft Julia. Afra aber schweigt. 'Warum spricht sie nicht?' fragt Drusilla, 'warum ist sie nicht fröhlich?' Dann Cornelia: 'Sie ist die neue Sklavin. Sie schweigt immer, sie kann nämlich kein Latein.' 'Sie kann kein Latein', sagt Domitilla, 'und warum nicht? Niemand hat sie unterrichtet!' Und zu Afra: 'Sieh da Fo-rum Ro-ma-num!' Afra zögert, dann wiederholt sie: 'Fo-rom Ro-ma-num.' Julia freut sich: 'Schau! Nun hört Afra, sie schweigt schon nicht mehr. Domitilla ist eine gute Lehrerin.' Zum zweiten Mal Domitilla zu Afra: 'Schau der hohe Tempel, schau die breite Straße!' 'Ho-he Stra-ße', antwortet Afra. Cornelia und Drusilla lachen, Domitilla aber: 'Die Straße ist nicht hoch, der Tempel ist hoch; die Straße ist breit und viele Straßen sind breit.' Und Afra: 'Viele Staßen sind breit.' Die Freundinnen freuen sich und lassen nicht locker: 'Der Tempel ist hoch... Die Tempel sind hoch... Da steht ein fröhlicher Sklave... Da sind viele Sklaven... Sieh da! Nun kommt der berühmte Senator Titus Servilius. Nun viele Senatoren, nun kommen mehrere Konsulen. Sie sind fröhlich und lachen.' Und Afra: 'Viele fröhliche Senatoren kommen.' Zum zweiten Mal freuen sich die Freundinnen und klatschen Beifall und rufen: 'Gut gemacht, Afra, prima!' Nun ist auch Afra fröhlich.

Lektion 3

Marcus: 'Sei gegrüßt Titus! Was tust du gerade?' Titus: 'Nichts mache ich, wie du siehst! Ich bilde mich und lese!' Marcus: 'Was sagst du mein Freund? Niemand macht nichts, solange er lernt und liest - wie der Vater, ein gelehrter Mensch, zu sagen pflegt. Aber Lernen und Lesen macht nicht immer Spaß. Deshalb frage ich dich: Warum kommst du nicht mit mir und spielst auf dem Sportplatz Ball? Sicher sind Gaius und Lucius dort und spielen.' Titus: 'Ich komme schon; ich bin ein guter Freund.' Marcus: 'Schau! Hier stehen Gaius und Lucius - Seit gegrüßt Freunde! Was macht ihr und warum spielt ihr nicht?' Lucius: 'Was fragst du? Nichts tue ich, denn spielen und scherzen ist nicht erlaubt, weil heute viele Menschen auf dem Sportplatz sind: Es ist nicht einmal erlaubt, hineinzugehen.' Marcus: 'Warum suchen wir nicht das kalte Bad auf? Da sind sicher nur wenige Menschen.' Titus: 'Warum zögert ihr zu kommen? Fürchtet ihr euch etwa vor dem kalten Becken? Seit ihr etwa feige Freunde?' Gaius: 'Was sagt ihr Marcus und Titus? Warum schweigt ihr nicht und nehmt euch in Acht? Wir fürchten uns nämlich nicht, wir sind nicht feige und wir zögern auch nicht, das kalte Bad aufzusuchen, denn es macht Spaß da zu sein, wenn nicht viele Menschen dort sind.' Marcus: 'Ich klatsche Beifall mein Freund! Du bist sicherlich nicht ängstlich!

Lektion 4

Cornelia liebt Rom und das städtische Leben; deshalb lobt sie den Marktplatz und die breiten Straßen und die hohen Tempel und den berühmten Zirkus sehr. Aber Afra schweigt und überlegt viel während sie Cornelia hört: 'Wie groß ist Rom! Wie viele Gebäude sind hier, wieviele Straßen und Gassen sehe ich! Und wie großes Geschrei hören wir! Die Herren schreien, während sie die Sklaven rufen, die Kaufleute schreien, während sie Wein, Öl und Oliven anpreisen, die Bettler schreien, während sie Gaben verlangen! Soviel Geschrei ertrage ich nicht, ich fürchte so viele Menschen. Warum freut es Cornelia immer unter Menschen zu sein? Warum pflegt sie es viele Stunden durch die Straßen zu gehen? Warum kommen so viele Menschen nach Rom?' Während Afra überlegt kommt ein schmutziger Mann zu Cornelia und bittet um eine Gabe. Cornelia lacht und verweigert. Aber Afra lacht nicht über den dreckigen Menschen. Sie hat nur ein As, sie will den dreckigen Menschen beschenken. Der Mensch aber schaut sich das As an und lacht sehr, er läuft in den Tempel der Fortuna.

Lektion 5

Schon seit einer Stunde steht Marcus auf dem Kapitol vor dem Tempel des Juno und wartet auf Cornelia. Plötzlich sieht er: Da kommt sie, ohne Afra, ohne Mutter, ohne Freundinnen! Marcus freut sich und ruft: 'Sei gegrüßt Cornelia! Was machst du?' Aber Cornelia flüstert: 'Warum schweigst du nicht Marcus? Sieh da! Da kommt Vater mit Onkel Aulo aus dem Tempel des Jupiter und da ist anstelle von Afra Megaera! Megaera ist eine böse Frau; sie beobachtet mich immer mit großer Sorgfalt, es gibt nichts, was sie nicht hört.' Schon tritt Megaera heran und fragt: 'Was ist, Cornelia? Warum stehst du an allen Orten herum? Warum beeilst du dich nicht zu kommen? Wir suchen schon das Forum auf.' 'Ich liebe dich von Herzen!' flüstert Marcus und 'in meinem Leben...', während Cornelia mit Megaera vom Kapitol zum Marktplatz herabsteigt. Marcus bleibt auf dem Kapitol und schaut sich die berühmten Götterbilder an. Denn er hofft: Ob Cornelia vielleicht... Aber er hofft vergeblich. Cornelia kommt nicht mehr vom Marktplatz zurück. Deshalb ist Marcus traurig und fragt: 'Warum vernichten die Götter Megaera nicht? Warum vernichten sie nicht alle bösen Sklaven und alle bösen Menschen?'

Lektion 6

Im Colosseum warten viele Menschen auf die Gladiatoren. Während diese eintreten, stehen die Menschen und grüßen, die einen feuern Barbatus, den berühmten Gladiatoren, mit großem Geschrei an, andere feuern Syrus an: 'Hör Syrus! Greife Barbatus mit dem Schwert an! Du hast keine Angst, daher hoffe auf den Sieg, kämpfe, streng dich an, halte durch! Denn alle beobachten dich!' Syrus aber steht und wartet, er zögert Barbatus anzugreifen - und Barbatus beobachtet Syrus. Deshalb schreit die Menge zum zweiten Mal: 'Kämpft endlich! Warum zögert ihr? Was nehmt ihr euch in Acht? Fürchtet ihr etwa die Schwerter? - Oh Götter, hört! Vernichtet alle schlechten Gladiatoren nicht nur in Rom, sondern an allen anderen Orten. Endlich greift Barbatus Syrus mit dem Schwert an und zum zweiten Mal schreit die Menge: 'Nimm dich in Acht, Syrus! Nimm dich in Acht vor Barbatus!' Marcus klatscht weder, noch gefällt ihm der Kampf, denn er ist nicht frei von Sorgen. Während Syrus und Barbatus einer den anderen mit dem Schwert verwunden wollen, denkt Marcus über die so ungerechte Göttin Fortuna nach: 'Warum hat Cornelius Geld im Überfluss, warum hat Vater Domitius keinen Reichtum? Warum bin gerade ich so in Cornelia verliebt? Warum bin ich ohne Cornelia nicht einmal beim Spielen fröhlich?' Plötzlich ruft das Volk: 'Er ist getroffen! Er hat etwas abbekommen!' Syrus liegt da, Barbatus freut sich über den Sieg, die Menschenmenge lobt den Sieg mit fröhlichem Geschrei. Marcus aber geht aus dem Colloseum. Während er durch die Straßen spaziert, fragt er sich selbst: 'Warum bist du heute so traurig Marcus? Bedauerst du etwa den Mord des Syrus? Gefallen dir die Schauspiele ohne Cornelia nicht?' Aber sieh da! Afra tritt heran und sagt: 'Sei fröhlich Marcus! Ich habe einen Brief!' 'Von Cornelia...?' fragt Marcus und Afra lacht: 'Cornelia!' Schon ist Marcus frei von Sorgen, schon freut ihn das Leben und die Liebe.

Lektion 7

Schon hat Marcus den Brief, schon liest er. 'Cornelia sendet ihrem Marcus viele Grüße. Ich bin traurig, weil ich nicht mehr mit Afra spazieren gehen, weil ich nicht mehr so oft schreiben kann. Aber Megaera sieht Alles, hört Alles, beobachtet Alles. Mädchen, sagt sie, man kann nicht nur spazieren gehen. Denn viel Schlimmes kann auf dem Marktplatz und auf den Straßen passieren. Also nimm dich in Acht, schweige, sei zufrieden. Hier kannst du lesen und lernen. Daher können wir nicht zusammenkommen, wir müssen warten. Ich bete auch oft so zu den Göttern: Ihr guten Götter, die ihr Alles geben, alles verweigern könnt. Befreit ... Und ich kann den Brief dennoch nicht beenden. Schon kommt Megaera! Leb wohl!' 'Vernichtet Megaera', sagt Marcus, 'und befreit Cornelia von der schlimmen Frau, alle Götter und Göttinnen!' Dann sucht er den Tempel der Venus auf und betet so vor dem Tempel: 'Oh Venus, ich rufe dich an, denn nur du allein kannst Cornelia von den Sorgen befreien. Du schützt alle Menschen, wenn sie sich lieben. Was ist das Leben ohne dich? Nämlich wer vermittelt Liebe, wenn nicht du? Wen kann ich also anrufen, wenn ich leide, wenn nicht dich? Von wem kann ich Hilfe erhoffen, wenn nicht von dir? Hat Cornelia dich nicht oft durch Opfergaben erfreut? Suche ich deinen Tempel etwa nicht oft auf? Bist du etwa nicht mit den Opfern zufrieden? Erwartest du Tauben? Erwartest du ein Lämmchen? Ich habe keinen Reichtum im Überfluss, ich habe kein Geld. Dennoch gelobe ich dir ein Lämmchen und bete so: Höre Venus, große Göttin! Von dir allein erhoffe ich Hilfe!'

Lektion 8

Titus: 'Sei gegrüßt Marcus! Warum kommst du so spät? Hüte dich vor dem Zorn des Diodotus!'

Lucius: 'Du bist ein Sohn der Glücksgöttin! Der Meister liest nämlich das Buch seines Seneca. Das Buch gefällt ihm sehr, wie du siehst. Daher kümmert Diodotus sich nicht um dich. Wir aber diskutieren die neue Redeübung.' Marcus: 'Was diskutiert ihr? Erzählt es mir Freunde!'

Titus: 'Wir diskutieren die Pläne Alexanders des Großen, des Königs der Macedonier.' Marcus: 'Was geht mich das an? Ich kümmere mich nicht um die Pläne der Könige und Kaiser.'

Lucius: 'Du kümmerst dich um nichts als um schöne Mädchen. Du erwartest immer die Briefe deiner Cornelia.'

Marcus: 'Nimm dich in Acht Elender und schweige über meine Cornelia! Du bist voll von schlechtem Neid, weil ich ein schöner Junge bin, weil das schöne Mädchen mich liebt. Aber erzähle du,

Titus: Was hat euer Alexander im Sinn?'

Titus: 'Das ist nicht unser Alexander, ebensowenig wie deiner - aber heute versucht er den Ozean zu befahren.'

Marcus: 'Den Ozean! Fürchtet er nicht den Zorn von Dio... ehem, der Götter und Göttinnen?'

Lucius: 'Hör die Worte des Lehrers: Alexander versucht mit wenigen Männern den Ozean zu befahren, weil er ruhmsüchtig ist. Ihr aber, ihr Jungen, seit die Ratgeber des Königs, eures Freundes.'

Gaius: 'Wir können den König an die Gefahren des großen Ozeans erinnern. Er ist voller wilder Tiere.'

Titus: 'Wir lesen in den Büchern gelehrter Männer nichts über Länder, die im Ozean gelegen sind.' Lucius: 'So kann der König weder Städte noch Äcker einnehmen.'

Gaius: 'Und er ist schon Herr eines so großen Gebietes, so großer Völker.'

Marcus: 'Nun ist guter Rat teuer, meine Freunde: Nun kann ich sicher den Alexander ermahnen.'

Lektion 9

'... ich ging durch die Subura und suchte Afra überall, denn Afra ist immer in der Subura. Vieviel Geschrei hörte ich dort, wieviele Menschen sah ich dort. Eben betrat ich die Geschäfte der Kaufleute eben stand ich bei den Schmieden, eben las ich vor den Läden die Preise, denn ich kann schon lesen, wie du weißt. Da hörte ich plötzlich die Stimme des Gallus, meines Freundes. Er fragte nämlich die Leute, weil er nach seinem Herren suchte - und dabei ist der Herr nie in der Subura gewesen. Ich habe Gallus mit großer Freude begrüßt. Dann gingen wir beide durch die Straßen und Gassen und suchten, ich Afra, Gallus den Herren.' 'Erzähle schnell!' sagt Marcus: 'Hat Afra nicht meine Briefe?' 'Sie hat sie, ich habe meinen Auftrag gut ausgeführt. Dann habe ich mich beeilt sofort zu dir zurückzukehren.' 'Du hast dich nicht so sehr beeilt, denn ich habe dich viele Stunden lang erwartet. Seit nicht du und Gallus in der Kneipe gewesen?' 'Sind wir nicht, denn Gallus hat mich verlassen, weil er den Zorn des Herrn fürchtete. Daher war ich allein in der Subura. Aber höre: Eben ging ich durch Argiletum, durch eine finstere Gasse, als ich plötzlich großes Geschrei hörte: Wohin du Schuft? Überall habe ich dich gesucht. Und schon hielt mich ein starker Mann fest. Ich habe mich aber sehr gefürchtet, denn in Argiletum sind schlechte Menschen. Sie haben schon viele arme Sklaven festgehalten und auf die Äcker entführt ...' 'Du bist aber entkommen, wie ich sehe.' 'So ist es, denn die Götter haben meine Gebete erhört. Ein böser Mensch hat mich in einem Gefängnis eingeschlossen; aber nach einigen Stunden bin ich entkommen und geflohen. Bin ich nicht ein Sohn der Glücksgöttin?' 'Vielleicht bist du ein Sohn des Sisyphus.'

Lektion 10

'Höre Marcus, hört Mutter und Domitilla Lucius, der Sohn des Calpurnius Macer hat eine Tragödie geschrieben. Er hat sich in der Tat einen großen Stoff vorgenommen: Über den Hochmut und den Tod des Coriolan liest er heute vor. Du aber Marcus, hast du nicht schon von Coriolan gehört?' 'Ich habe es gehört, Vater, denn ich habe die Bücher des Livius gelesen und bei Diodotus haben wir schon den berühmten Herrscher Coriolan behandelt: Nachdem er die Truppen der Volscer besiegt hatte, feierte er seinen Triumph. Dann lobten alle den Sieger mit fröhlichen Rufen. Aber sobald er den Neid des Volkes und der Tribunen erregte, verließ er die Heimat, unterstützte die Volscer und bereitete einen Krieg vor...' 'Genug Marcus! Du kannst in der Tat gut von Coriolan erzählen. Das habe ich gerade gesehen und ich freue mich. Aber was habt ihr bei Diodotus behandelt? Was habt ihr in den Übungsreden behandelt?' 'Titus beschuldigte Coriolan, weil er die Heimat preisgegeben hatte, weil er mit den Truppen der Volscer Rom umzingelte. Ich habe aber Worte der Mutter erdichtet und unter anderem folgendes gesagt: Du hast die römischen Legionen vertrieben, du hast unsere Soldaten getötet, du ...' 'Ich lobe dich Marcus, denn du hast vieles gelernt und vieles verstanden. Du bist ein guter Sohn auch wenn du keine Tragödien schreibst!' Dann sagt er zu Domitilla und der Mutter: 'Ist unser Marcus nicht gebildet? Freut ihr euch nicht? Seht, heute lacht Marcus, heute ist er nicht traurig!' In der Tat ist Marcus als er die Worte des Vaters hörte fröhlich und sagt: 'Ich freue mich, weil du mich gelobt hast Vater. Ich versuche immer ein guter Sohn zu sein.' Aber still zu sich: 'Du hast meine Bitten erhört Venus und du hast mir geholfen. Schon lobt mich der Vater, schon lacht er. Vielleicht tadelt er meine Liebe nicht mehr, vielleicht auch der Vater Cornelias ...'

Lektion 11

'Ihr Jungen, als Neunzehnjähriger beschaffte sich C. Octavius auf eigenen Beschluss und mit eigenem Vermögen Truppen. Damals drohten dem römischen Volk, dann dem ewigen Rom, dann den Märkten und Tempeln und dem Capitol große Gefahren, denn Brutus und Cassius - aber was sehe ich? Titus hört meine Worte nicht. Titus will mit seinen Freunden viel erzählen. Los Titus, sag mir was kannst du uns über Brutus und Cassius erzählen?' Titus überlegt ein wenig dann antwortet er dem Lehrer: 'Brutus und Cassius bereiteten mit einigen anderen dem Diktator Caesar einen Hinterhalt. Aber nachdem sie Caesar ermordet hatten, waren sie fast allen Menschen, Männern und Frauen, verhasst. Daher gingen sie aus Rom fort, zogen sich nach Griechenland zurück und beschafften sich Truppen. Damals war M. Antonius mit dem C. Julius Octavian, dem Erben Caesars, verfeindet. In Italien herrschte Krieg, in Rom ein Aufstand solange bis Octavian den Antonius für sich gewann. Mit Antonius besiegte er Brutus und Cassius und beendete die Kämpfe...' 'Vieles ist dir bekannt Titus', sagt Diodotus 'aber nicht alles. Daher muss ich euch, ihr Jungen weiteres erzählen. Hört ihr aber zu: Marcus Antonius gestand Cleopatra, der ägyptischen Königin einige Provinzen des römischen Reiches zu. In Alexandria lebte er wie ein König mit der Königin. Wiederrum drohtem dem Reich große Gefahren, aber Octavian befreite die Menschen von ihrer Angst und gab den Ländern langwährenden Frieden. Daher erwiesen die Senatoren dem Octavian viele Ehren: Sie nannten ihn Vater des Vaterlandes und den Erhabenen...' '...Und sie haben den Altar des Augustusfriedens geweiht!' 'Was? Wessen Stimme habe ich gehört? Wer darf zwischen den Worten des Lehrers rufen? Titus, du freust dich so sehr? Du versuchst uns zu stören? Nimm dich in Acht! Aber weil du eben viel über den Kaiser Augustus erzählt hast, bleibt deine Kühnheit nun ungestraft.'

Lektion 12

Dem Kaiser Augustus, der dem römischen Volk nach vielen Kriegen Frieden gab, war das Glück nicht immer und überall hold. Von den Frauen, die er heiratete hatte er keinen Sohn, obwohl er nichts sehnlicher wünschte. Auch die Enkel, die er sehr liebte, verlor er beide, Gaius Caesar in Asien, Lucius Caesar in Marseille. Dann adoptierte er Agrippa Postumus und Tiberius. Von denen verstieß er bald Agrippa, dessen Sitten rauh waren. Diesen brachte er nachher auf eine kleine Insel, auf der er ein ärmliches Leben verbrachte. Augustus hatte eine Tochter, die er mit großer Sorgfalt erzog: Julia. Diese gab er dem ersten Sohn seiner Schwester als dieser verstarb, seinem Freund Marcus Agrippa zur Frau. Mit diesem lebte Julia einige Jahre und gebar zwei Töchter und drei Söhne - Gaius Caesar, Lucius Caesar und Agrippa Postumus, von denen wir schon gesprochen haben. Nachdem auch Marcus Agrippa verstorben war gab Augustus Julia dem Tiberius zur Frau, obwohl der sie nicht liebte. Bald verließ Tiberius sie und suchte die Insel Rhodos auf. Danach führte Julia ein Leben in Freuden mit ihren Freunden, denn nun war sie frei. Augustus aber gefielen ihre Sitten nicht daher verschaffte er auch sie auf eine kleine Insel. Obwohl ihn das römische Volk und die Senatoren immer wieder für sie baten, gab er ihr keine Nachsicht und wenn er über sie und seine Tochter Julia erzählte, pflegte er sie als seine Krebsgeschwüre zu bezeichnen.

Lektion 13

'Seht die Ara Pacis', sagt Diodotus 'das berühmte Werk, das gelobte Werk, das von Augustus erbaute Werk. Hier sehen wir den Kaiser Augustus und seinen Freund Agrippa, dort Julia, die vom Vater mit Agrippa und später mit Tiberius verheiratet wurde - diese Julia, über deren Schicksal ich schon erzählt habe. Oh wie glücklich war sie als sie von Tiberius, dem ungeliebten Mann, verlassen war, wie unglücklich, als sie vom gekränkten Vater auf eine kleine Insel geschafft worden war, weg von Italien! Seht! Hier sind Gaius und Lucius Caesar, die von Agrippa gezeugten Jungen. Da ist Tiberius, der Herrscher, der von vielen getadelt wurde, von wenigen gelobt! - Aus der Anzahl der Götter sehen wir Mutter Erde, die den Menschen alles Gute tut. Da sind auch die Söhne von Mars und Rea Silvia, die der König Amulius, ein böser Mensch, an einem entlegenen Ort aussetzte. Die ausgesetzten Jungen fand eine Wölfin, von der sind sie gerettet und eine Zeit lang ernährt worden - aber seht! Schon nähert sich Faustulus. Faustulus, der die von der Wölfin geretteten und ernährten Jungen mit sich nahm und aufzog, war ein Hirte. Von ihm erhielten die Jungen die Namen Romulus und Remus. Nachdem sie lange unter den Hirten gelebt hatten, wurden sie durch Zufall zu ihrem Großvater geführt. Er war Numitor, der Vater der Rea Silvia, der von dem Bruder Amulius aus dem Reich verstoßen war. Oh welch großes Verbrechen, welch große Ungerechtigkeit! Die Brüder aber, als sie vom Großvater die Verbrechen des Amulius hörten, suchten sofort mit einer großen Schar von Hirten die nahegelegene Stadt Alba Longa auf. Dort wurde der König Amulius von ihnen getötet und das Reich dem Numitor zurückgegeben. Zu dieser Zeit beschlossen Romulus und Remus, an jenen Orten wo sie ausgesetzt und erzogen worden waren eine Stadt zu gründen. Aufgrund der Vogelschau wurde dem Romulus die Herrschaft übergeben. Dieser tötete den Bruder, nachdem er von Remus ausgelacht und gereizt worden war. Die gerade gegründete Stadt benannte er nach seinem Namen Rom.'

Lektion 14

Troja war eine starke, in Asien gelegene Stadt; diese Stadt ist in alten Zeiten lange von griechischen Männern belagert worden. Denn Paris, der Sohn des Königs Priamus hatte Helena, die Frau des Königs Menelaus aus Griechenland übers Meer in sein Heimatland weggeführt. Vergeblich hatten die Anführer der Griechen die Auslieferung verlangt: Die Trojaner hatten ihnen die Frau immer wieder verweigert. Deshalb kämpften die Griechen mit den Trojanern zehn Jahre lang mit höchsten Kräften, solange bis Troja mit seinen Mauern und Türmen durch List, nicht durch Gewalt erobert worden war. Dann ist Aeneas mit einigen Gefährten entkommen und nach Italien aufgebrochen, weil er von den Göttern selbst gewarnt und gerettet worden war. Denn die Göttin Venus, die Mutter des Aeneas, warnte ihren Sohn so: 'Durch den Willen von Jupiter selbst ist den Trojanern in Italien eine neue Heimat bestimmt!' Aeneas aber ist durch weidrige Winde über die Meere in die Region Afrikas getrieben worden, in welcher gerade von der Königin Dido Karthago gegründet worden war. Auch Dido hatte ihr Vaterland verlassen, weil ihr Gatte Sychaeus vom eigenen geldgierigen Bruder getötet worden war. Dann war auch Dido in höchster Gefahr. Denn ihr selbst waren Hinterhalte bereitet worden. Deshalb hatte sie die Flucht ergriffen und ein neues Vaterland gesucht. Aeneas hatte Karthago kaum betreten, als Dido sich in diesen schönen und tapferen Mann verliebte. Auch Aeneas selbst liebte die Königin und weilte lange bei ihr.

Lektion 15

... schon stehen die Tore Trojas offen, schon können die Menschen das verlassene Lager der Griechen sehen. Besonders aber staunen sie über ein hölzernes Pferd: Die einen halten es für eine Opfergabe, andere meinen durch Angst bewegt, das verdächtige Ding ins Meer zu werfen. Sieh da! Mit vielen Gefährten eilt der Priester Laocoon herbei und ruft schon von weitem: 'Oh ihr Elenden! Glaubt ihr denn, daß die Geschenke der Griechen keine Listen beinhalten? Wisst ihr etwa nicht, daß Odysseus die anderen Griechen an Klugheit übertrifft? Steht etwa nicht fest, daß er immer mit List und Betrug und Hinterhälten kämpft? Ich glaube, daß in diesem Pferd Soldaten verborgen sind, ich fürchte die Griechen, auch wenn sie Geschenke machen!' Während Laocoon die Menschenmenge so mahnt, während er sagt, daß er die Hinterhälte der Griechen fürchtet, schleppen einige Schäfer mit großem Geschrei einen Mann vor den König, den sie eben gefunden hatten. Er gibt zu, ein Grieche zu sein, er erzählt, daß Odysseus ihm einen Hinterhalt bereitet habe, er aber durch Flucht sein Leben gerettet habe und sich im Wald versteckt habe. Daher sagt der König Priamus, von Mitleid bewegt: 'Ich glaube auch, daß dir von Odysseus Hinterhälte bereitet worden sind. Es scheint, daß du in Gefahr gewesen bist. Nun aber erzähle uns über das Pferd. Sofort bekräftigt der elende Mensch, daß die Griechen durch Orakel ermahnt dieses Pferd der Göttin Minerva errichtet hätten. Schon glaubten viele Trojaner seinen Worten, schon versuchten sie, das Pferd mit vereinten Kräften in die Stadt zu ziehen, als plötzlich zwei Schlangen erschienen, die von Minerva geschickt worden waren und Laocoon angriffen, der mit seinen Söhnen am Altar stand. Wir ergriffen die Flucht, Laocoon aber und seine Söhne wurden von den Schlangen erdrückt. Sofort ruft das Volk, daß der Priester von den Göttern selbst bestraft worden sei und beeilt sich, die Mauern einzureißen.

Lektion 16

Vergil überliefert uns, daß Dido, nachdem sie von Aeneas verlassen war, sich selbst den Tod gegeben hat, daß Aeneas aber mit Schiffen nach Italien gekommen ist. Dort stieg er mit der Seherin Sibylle in die Unterwelt und bat im Gefilde der Seligen seinen Vater um das Schicksal seines Volkes. Der nahm den mit höchster Freude begrüßten Sohn mit sich und sagte: 'Nun werde ich dir diejenigen Seelen zeigen, die der Gott zu ihrer Zeit zum Licht rufen wird und ich werde dich dein Schicksal lehren. Du wirst jene Könige sehen, die Alba Longa regieren werden, die Burgen auf den Bergen errichten werden. Nomentus und Gabii und die Stadt Fidenae. Diese werden dann Namen sein, noch sind die Länder ohne Namen. Schon habe ich dir Alles preisgegeben, du aber wirst hören und erstaunt sein, aber siehe: Da kommt jener Romulus, der Rom gründen wird und mit seinem Namen nennen wird, der wird die Stadt mit Mauern umgeben, der wird der erste der römischen Könige sein - und hier ist jener Augustus, der Ägypten besiegen und die Grenzen des Reiches ausdehnen wird und zur höchsten Freude der Völker dem Erdkreis Frieden geben wird. Möchtest du nicht Traquinius sehen, den stolzen König und Brutus, der Traquinius aus der Stadt treiben wird und in der freien Stadt erster Konsul werden wird? Möchtest du nicht jenen Scipio sehen, der über Hannibal den Triumph erringen wird und jenen großen Cato und die anderen berühmten Consuln und Führer und Kaiser? Du nämlich Aeneas wirst Begründer eines neuen Volkes werden, diesem Volk, dem Volk der Römer, werden andere Völker gehorchen. Die Reiche der Römer werden gerecht sein und den Völkern Frieden und Sitten geben. Die Besiegten werden geschont, Hochmütige aber bezwungen.'

Lektion 17

Jener Traquinius, der den Beinamen Superbus hatte, belagerte lange Zeit Gabii, eine nahegelegene Stadt. Diese konnte er weder mit Gewalt, noch durch Belagerung einnehmen, er setzte List und Betrug ein. Er selbst zieht sich nämlich nach Rom zurück, legt Grundsteine der Tempel und gibt vor mit öffentlichen Ämtern in Anspruch genommen zu sein. Aber nach vorheriger Absprache flieht dessen Sohn Sextus nach Gabii und dort sagt er, daß die Grausamkeit seines Vaters die Ursache seiner Flucht sei. 'Zu euch, ihr gabinischen Männer, fliehe ich', sagt er 'bei euch möchte ich bleiben, weil ich keine andere Zuflucht habe, weil ich nirgens vor dem Vater sicher bin, wenn nicht bei den Feinden. Dieser nämlich, vor dessen Hinterhälten ich gerade geflohen bin, wird mich töten, wenn er kann.' Die Gabiner nehmen den Königssohn fröhlich auf und ziehen ihn zu öffentlichen Ämtern heran, weil sie seine Klugheit und seinen Mut kannten machen sie ihn zum Feldherren. Schon glaubten die gabischen Soldaten, daß Sextus ihnen als Führer von den Göttern geschenkt war, weil sie die Römer angriffen, Siege errangen, Dörfer und Äcker der Römer verwüsteten. Dieser aber, nachdem er sah, daß er bei den Gabiern alles konnte, sandte im Geheimen einen Boten zum Vater und fragte, was er tun solle. Traquinius antwortete dem Boten nichts, sondern spazierte mit ihm durch den Garten und schlug die höchsten Mohnstauden mit dem Schwert nieder. Als dieses dem Sextus berichtet wurde, wusste er sofort die Beschlüsse des Vaters und beschuldigte die einen Führer der Stadt beim Volk wegen Hochverrates, andere trieb der aus der Stadt, andere tötete er heimlich, solange bis er die von Hilfe beraubte Stadt dem Vater kampflos übergeben konnte.

Lektion 18

Mit scharfen Worten verhandelten die Tribunen mit den Patriziern und einer von ihnen, C. Terentilius Arsa, sagte: 'Schnelle Hilfe ist notwendig, denn wir werden der Zwietracht der Patrizier und Plebejer kein Ende bereiten, wenn nicht mit niedergeschriebenen Gesetzen. Was, wenn das Volk, durch ungerechte und grausame Richter erzürnt, wiederum die Stadt verlässt? Was, wenn es nicht mehr den Worten eines Mannes glaubt? Ich nenne jenen Menenius Agrippa, der die Herzen der Menschen mit einer Geschichte bewegte. In Kürze werden schnelle Reiter der Feinde kommen und die Stadt verwüsten, die von einem großen Teil des Volkes verlassen ist. Schon rufen die Führer der Feinde bei allen Völkern Etruriens, daß auch große Reiche sterblich sind. Sie sehen nämlich, daß uns zwei ungeheure drohen, Zwist und Zwietracht, die schon viele und große Städte vernichtet haben. Daher nehmt euch in Acht ihr Patrizier! Gesteht dem Volk geschriebene Gesetze zu, die allen Bürgern nützlich sein werden.' Durch diese Worte bewegt berieten die Patrizier über das Wohl der Gemeinschaft und gestanden die Gesetze zu. Nachdem man sich unter den Patriziern und Tribunen über die Gesetze geeinigt hat, wurden sofort drei Gesandte nach Griechenland geschickt. Dort beschrieben sie jene berühmten Gesetze des Solon und die Rechte anderer griechischer Bürgerschaften. Vier oder fünf Monate später kehrten die Gesandten mit den griechischen Gesetzen zurück. Diese berichtigten zehn weise Männer und, nachdem das Werk fertiggestellt war, errichteten sie unter der ungeheuren Anteilnahme der Menschen zehn Tafeln auf dem Marktplatz. Im folgenden Jahr wurden jenen zehn Tafeln zwei neue hinzugefügt. Aus diesem Grunde pflegten die Römer diese Gesetze 'Zwölftafeln' zu nennen, gewissermaßen die Grundlage allen öffentlichen und privaten Rechts.

Lektion 19

Bei Cannae ist von Hannibal, dem Führer der Karthager, nahezu das gesammte römische Heer zerstört worden und ein ebensogroßer Anteil der Bürger der Verbündeten. Unter den Getöteten waren sowohl der eine Consul als auch Quaestoren der Consuln und viele Militärtribunen. Darüberhinaus ein großer Anteil des Senates. In diesem Kampf sind dreitausend Fußsoldaten und tausendfünfhundert Reiter gefangen worden. Aus den römischen Lagern sind bis zu viertausend Menschen und wenige Reiter entronnen, die noch genug Kraft und Mut hatten. Aber nach Rom ist gemeldet worden, daß niemand der Bürger, niemand der Bundesgenossen aus der Schlacht entkommen war, sondern in dem Gemetzel das Heer mit den Führern niedergeschlagen wurde und alle Truppen vernichtet wurden. Niemals ist innerhalb der römischen Stadtmauern solch große Angst und Aufruhr gewesen, niemals ein solches Geschrei der Frauen. Dann riefen aus den Reihen der Beamten die Praetoren Publius Furius Philus und Manius Pomponius den Senat in die Curie Hostilia. Lange fanden die Patrizier, lange die Beamten keinen Beschluss und keine Hilfe und hielten für sicher, daß Hannibal nach den Niederlagen der Heere der Römer schon einen Angriff auf Rom plante. In dieser gefährlichen Lage stärkte Quintus Fabius Maximus, der große Weisheit und große Standhaftigkeit besaß die Herzen der Patrizier und sagte unter anderem: 'Niemand hat über diese Niederlage schon Sicheres gehört. Wir wissen aber, daß das Übel oft durch Gerüchte verstärkt wird. Ich glaube, daß ein Teil des Heeres entkommen ist und aus der so großen Menge der Soldaten einige überlebt haben. Also beseitigt die Angst in der Stadt, haltet die Frauen aus der Öffentlichkeit fern, schafft Ruhe in der Stadt, stellt Wächter an die Tore, bedenkt, daß die Menschen keine Rettung erhoffen, wenn nicht Stadt und Mauern unverletzt bleiben!'

Lektion 20

'Schau, schon sehe ich den ersten Heereszug!' 'Schon tönen die Tropeten, schon die Gesänge der Soldaten!' 'Toll, was die Soldaten tragen, welche Bilder von Städten, Orten und Flüssen?' 'Dies ist Karthago selbst, aber der Name jener Stadt ist Utika. Und welchen Berg sehe ich hier?' 'Diesen Berg nennen die Sizilier Ätna...' 'Schau, Scipio selbst ist dabei!' 'Africanus, Africanus!' 'Was rufen die Leute? Mit welchem Namen rufen sie Scipio?' 'Weißt du etwa nicht, daß der Sieger im großen Krieg von den Patriziern Africanus genannt wird? Wir alle verdanken diesem Mann unser Heil und die Freiheit. Durch seine Tüchtigkeit sind die Punier besiegt worden...' 'Hoch Africanus! Du hast Rom aus einer höchst gefährlichen Lage befreit! Du bist Glanz und Schmuck des römischen Volkes...' 'Schweig und schau! Sind dies nicht die Elefanten, die wilden Tiere?' 'Durch die starken Körper dieser wilden Tiere sind unsere Soldaten sicherlich so sehr erschreckt worden...' 'Siehst du nicht dieses Gold, siehst du nicht diese Menge Silber? Das ist der Lohn des Krieges! In der Tat hatte Karthago Reichtum im Überfluss...' 'Und welche besiegten Menschen sehe ich hinter dem Wagen des Herrschers?' 'Dies sind adlige Gefangene - aber deren Schicksal wird elend sein.

Lektion 21

Chloe: 'Hallo, Delia, was machst du? Warum bist du so traurig? Warum weinst du?'

Delia: (schweigt)

Chloe: 'Bist du nicht Delia, die neue Sklavin der Atia?'

Delia: 'In Rom werde ich nur Delia genannt.'

Chloe: 'Mit welchem Namen wirst du tatsächlich gerufen und woher kommst du?'

Delia: 'Ich heiße Melissa und habe in Assos gewohnt. So heißt eine kleine Stadt in Asien. Von dort segelte ich mit einigen Begleitern zur Insel Pyrrha, als wir plötzlich von Piraten angegriffen werden. Die Seeleute beginnen den Kampf, aber sie werden überwältigt. Einige werden getötet. Auch ich werde mit anderen gefangen genommen und nach Delos entführt...' Chloe: 'Daher wirst du hier Delia genannt. In Delos pflegen viele Sklaven verkauft zu werden.'

Delia: 'Nun bin ich Sklavin der Atia. Sie ist eine rauhe und harte Herrin. Oft werden wir von ihr rauh und scharf getadelt und manchmal lässt sie uns strafen und schlagen.

Chloe: 'Und warum werdet ihr geschlagen?'

Delia: 'Eben wurde Psecas geschlagen und gestraft, weil sie das Haar der Herrin schlecht geordnet hatte. Sie schrie elendig, ich aber bin sehr erschreckt entflohen. Nun fürchte ich sehr den Zorn der Herrin, denn sicher werde auch ich getadelt, bestraft und heftig geschlagen.'

Chloe: 'Wenn du mir gehorchst, wirst du weder getadelt noch bestraft: Bitte um die Nachsicht deines Herrn! Er ist nämlich mild und geht niemals grausam gegen seine Sklaven vor, weil er von ihnen geliebt werden möchte, nicht gefürchtet. Außerdem gefallen ihm selbst nicht die freilich schändlichen Sitten seiner Frau. Neulich wurden die Sänftenträger von ihr gestraft - sie sagte nämlich, daß sie zu spät gekommen sein - , als plötzlich der Herr kam und sie tapfer verteidigte.'

Delia: 'In der Tat ist der Herr mutig, wenn er den Zorn Atias nicht fürchtet...'

Lektion 22

Die Mutter grüßt C. Gracchus. Um dieses bemühe dich, damit du unsere Feinde bezwingst. Du nämlich sagst, es sei schön sie zu strafen. Aber hüte dich, daß du die Bürgerschaft nicht verwirrst! Hüte dich, daß du nicht von Hass und Zorn bewegt wirst, nicht durch Verstand! Daher sollen die Feinde leben und gesund sein! Sie sollen nicht mit großem Schaden des römischen Volkes bestraft werden! Wir wollen zulassen, daß sie sich an ihren Verbrechen erfreuen! Von den Göttern selbst sollen sie bestraft werden. Du aber glaube deiner Mutter, daß niemand außer denen, die deinen Bruder getötet haben, mir solch große Mühe bereitet hat wie du! Dir ziemt sich aber dafür zu zu sorgen, daß ich möglichst wenig Besorgnis im Alter habe, daß mir das, was du zu tun beabsichtigst, gefällt, daß du für Unrecht hältst, etwas gegen meine Ansicht zu tun. Siehst du etwa nicht, was für ein kleiner Teil des Lebens mir verbleibt? Kann dich nicht einmal ein so kleiner Zeitraum dazu bewegen, daß du mir gehorchst und ruhig bist? So sollst du leben, daß auch ich sorglos sein kann, daß ich nicht immer beunruhigt werde! Weißt du etwa nicht, was für ein Mann dein Bruder Tiberius Gracchus gewesen wäre, was er zu erreichen gesucht hätte, wie schändlich er getötet ist? Du sollst mich nicht kinderlos gemachst haben, nicht alles verwirrt haben. Wenn du auf keine Weise bewegt werden wirst, mögest du der Begierde gehorchen und mögest das Tribunat erstreben, wenn ich tot sein werde. Dann sollst du endlich tun, was du verlangst weil ich es nicht mehr merken werde. Dennoch möge Jupiter weder zulassen, daß du hart bleibst, noch daß dir solch großer Wahnsinn ins Herz komme. Wenn du hart bleibst, fürchte ich, daß du nicht in dein ganzes Leben soviel Mühe steckst, dass du dir zu keiner Zeit gefallen kannst. Du wirst nämlich sehr leiden, weil du durch deine Schuld unglücklich bist. Leb wohl!

Lektion 23

Während Marcus Cato bei seinem Onkel Marcus Drusus lebte, damit er erzogen würde, kamen zu ihm, weil er ein Volkstribun war, Gesandte der Latiner, um die römische Bürgerschaft zu erreichen. Von Quintus Poppedius, dem Führer Latiums, aber Gast des Drusus, gefragt, ob er ihm bei seinem Onkel helfen würde, lehnte er mit fester Miene ab. Als er dann immer wieder dringend gebeten hatte, nahm ihn Poppedius in einen hohen Teil des Hauses und sagte: 'Ich werde dich sofort hinunterwerfen, wenn du nicht...' Nicht einmal so konnte der Junge bewegt werden, daß er den Latinern gehorchte. Darauf sagte Poppedius: 'Wir sollen den Göttern danken, daß dieser Junge so klein ist, denn wenn er schon Senator wäre und gegen uns spräche, wäre es uns nicht einmal möglich, auf das Bürgerrecht zu hoffen.' Später, als er in der Toga Praetexta zu Sulla gekommen war, um ihn zu begrüßen und im Atrium die Köpfe der Geächteten gesehen hatte, fragte Marcus Cato, von dem grausamen Anblick geschockt, seinen Erzieher, warum niemand den so grausamen Tyrannen töte. Und als jener geantwortet hatte, daß den Menschen nicht der Wille, sondern eine Gelegenheit fehle, bat er inständig, daß ein Schwert gegeben würde. 'Ich kann ihn mühelos umbringen', sagte er, 'weil ich gewohnt bin, mich auf sein Bett zu setzen.' Als der Erzieher dies gehört hatte, erkannte er die feste Gesinnung des Jungen und entsetzte sich so vor dem Plan, daß er ihn später niemals zu Sulla führte, wenn er ihn nicht gründlich durchsucht hatte. Vielleicht wäre jener aber von dem Jungen getötet worden, wenn diesem ein Schwert gegeben worden wäre. Aber selbst jener Marius, Sullas Feind und Gegenspieler hätte sicherlich vor dem Plan zurückgeschreckt und hätte über seine Flucht, nicht über den Mord an Sulla nachgedacht.

Lektion 24

Caesar führte sein Heer niemals durch gefährliche Wege, ehe er die natürlichen Gelegenheiten erkundet hatte. Denn das Wohl seiner Soldaten lag ihm immer sehr am Herzen. Aber, durch seine Begierde nach Ruhm veranlasst, berücksichtigte er sein eigenes Wohl zu wenig. Als ihm berichtet worden war, daß ein gewisses Lager in Germanien belagert wurde, kam er seinen Leuten durch die feindlichen Wachposten mit gallischem Aussehen zur Hilfe. Von Brundisium aus erreichte er mit einigen Gefährten durch die Flotten der Feinde im Winter Durachium. Nachdem er dort lange Zeit vergeblich auf seine Truppen, welche er in Italien zurückgelassen hatte, wartete, stieg er selbst alleine heimlich auf ein kleines Schiff. Als gewaltige Fluten das Schiff bedrängten, erinnerte er die Seemänner, die sehr erschreckt den Tod erwarteten, so: 'Caesar segelt mit euch und Fortuna ist mit Caesar!' Nicht einmal durch Aberglaube und durch eine gewisse Furcht vor Vorzeichen ließ er sich jemals abschrecken. Als er sich an der Küste Afrikas fallen ließ, sagte er: 'Ich halte dich fest, Afrika!' Als er nach der Schlacht bei Phasalos mit einem kleinen Frachtschiff den Hellespont überquerte, floh er nicht vor einem gewissen L. Cassius, der ihm mit zehn feindlichen Schiffen entgegen kahm, sondern ermahnte, daß er sich ergeben solle und nahm den Bittenden bei sich auf. So viel Kühnheit fanden alle bewundernswehrt. Bei Alexandrien war er während einer gewissen Schlacht ins Meer gestoßen worden und entkam den Feinden schwimmend und zog seinen Feldherrenmantel an den Zähnen mit sich, daß er nicht für sie zur Beute würde. Höchstes Lob wurde ihm auch zuteil, weil er dies alles mit unglaublicher Schnelligkeit erledigte: Als er hörte, daß Pharnax, der König von Pontus, in Asien die Macht anstrebte und schon gewisse Gebiete besetzt hätte, führte er drei Legionen gegen ihn und besiegte seine Truppen in einer Schlacht und entkam. Diesen Sieg meldete er einem gewissen Freund mit diesen Worten: 'Ich kam, sah und siegte!'

Lektion 25

Licinia: 'Weißt du, was für ein Tag heute ist, Sextus?'

Sextus: 'Die Iden des März, was fragst du?'

Licinia: 'Weil heute das Fest der Anna Perenna ist, nicht fern von den Ufern des Tiber.'

Sextus: 'Ich sorge mich nicht um solche Festtage, die nur das Volk erfreuen.'

Licinia: 'Bei dem Glauben an die Götter, sind wir selbst etwa keine Plebejer?'

Sextus: 'Sind wir, aber ich glaube, daß wir uns an anderen Ereignissen erfreuen als ein großer Teil des Volkes.'

Licinia: 'Ich weiß, daß du dich immer an die ernsten Sachen erinnerst aber manchmal, wie Horaz sagt, ist 'Ausflippen' angenehm.'

Sextus: 'Ich kenne jene Aussage des Horaz, aber ich hasse die Menschenmenge und die Unruhe dieser Tage.'

Licinia: 'Warum hasst du die Menschenmenge? Überall wirst du fröhliche Gesichter sehen, denn die Menschen wollen keine andere Sache machen, als sich freuen; sie singen Lieder, die sie im Theater gelernt haben.'

Sextus: '...und sie trinken heftig. Gehört es sich etwa für eine Ehefrau zu trinken? Eine so schändliche Sache bleibe von dir fern! Du sollst dich erinnern, daß auch deine Mutter den Wein immer gehasst hat.'

Licinia: 'Dennoch wünsche ich zum Tiber zu gehen. Geh mit mir, Sextus! Wenn du mit mir gehst! Wenn du mit mir gehst...'

Sextus: 'Ich werde mitgehen, damit ich nicht allzu sehr gequält werde - aber höre: Trinke nicht! Nicht einmal ein wenig Wein!'

Licinia: 'Ich werde mich gänzlich vom Wein fernhalten. Lass uns schnell gehen!' (Ein wenig später sieht Sextus Titus Clodius mit seiner Ehefrau und fragt

Sextus: 'Hallo, wohin geht ihr?'

Titus: 'Zum Tiber, Sextus, wohin sie alle gehen; schon Vater, wie du weißt, ging jedes Jahr dort hin, obwohl er Aufruhe hasste, jetzt gehen wir hin und zu anderer Zeit werden unsere Söhne gehen.'

Sextus: 'Auch ich gehe gerne dorthin, manchmal nämlich ist es schön auszuflippen.'

L: 'Schau mein Sextus, der eben kaum bewegt werden konnte, daß er mit mir ging!'

Lektion 26

Nachdem Herkules entfernte Gebiete der Erde besucht hatte und große Gefahren auf sich genommen hatte, kam er auch in die Gegend, wo später Rom gegründet wurde. Dort lebte der Arcarde Euander, der von Griechenland nach Italien übergesiedelt war. Als er von ihm gerne unter seinem Dach aufgenommen worden war, erzählte Herkules ungefähr dieses: 'Ich habe schon viele, lange und gefährliche Wege zurückgelegt. Aber kein Weg war länger oder gefährlicher, als dieser, von dem ich gerade zurückgekehrt bin. Mit vielen grausamen und schrecklichen Feinden habe ich schon gekämpft. Aber keiner von ihnen war furchtbarer und grausamer als jener gewaltiger Geryon, dessen Rinder ich geraubt habe. Er ist nämlich um vieles größer gewesen, als ein hoher Baum, er hat drei Leiber und drei Köpfe gehabt und sein Hund war wilder als ein wilder Löwe und lief schneller als der Wind.' Während Herkules so erzählt, kam aus einer nahegelegenen Höhle Cacus heraus, ein sehr schreckliches Ungeheuer, dessen Vater Vulcanus gewesen ist. Er konnte Feuer speien und freute sich über den sehr schändlichen Tod der Menschen. Als dieser die wunderschönen Rinder des Herkules ohne Wächter sah, zog er einige von ihnen so schnell er konnte am Schwanz in seine Höhle, damit der Herr, wenn er die verlorenen Rinder suchen würde, meinte, daß sie hinausgehen, nicht hineingehen. Dennoch täuschte er nicht Herkules, jenen sehr tapferen Mann. Als dieser das klägliche Brüllen eines Rindes hörte, ergriff er die Waffen mit der Hand und griff den verschlossenen Eingang der Höhle an, aber vergebens! Daher schob er den riesengroßen Fels mit ziemlich starken Händen bei Seite, weil er (der Fels) sein (des Cacus) Dach war, damit die aufgedeckte Höhle des Cacus offen stand. Dann kämpfte er auf das heftigste mit ihm und zog den riesigen Körper des Besiegten an den Füßen ins Licht. An diesem Ort aber, wo Herkules seinem Vater Jupiter geopfert hatte, ist später ein Altar errichtet worden, der immer 'Der Größte' genannt wurde und immer der Größte war.

Lektion 27

Jupiter, Vater von Menschen und Göttern, hat einstmals dem Peleus, einem sehr tapferen Mann, die Göttin Thetis zur Frau gegeben. Daher hat er alle Götter und alle Göttinnen auf den Olymp eingeladen, außer Discordia. Denn er glaubte, daß sie alles stören und durcheinanderbringen würde. Als diese dennoch anwesend war, wurde sie von den Wächtern abgehalten den Speiseraum zu betreten. Daher warf sie, vom Zorn bewegt, von der Tür aus einen goldenen Apfel in die Mitte und sagte: 'Diesen Apfel wird die schönste der Göttinnen empfangen.' Sofort fing Juno den Apfel, aber sowohl Minerva, als auch Venus kam herbei und jede für sich beanspruchte den Preis für die Schönheit. Als jene drei Göttinnen heftig mit Worten stritten, befahl Jupiter, damit er der Zwietracht ein Ende bereiten werde, dem Merkur, dem Götterboten, daß er sie zu Paris, dem Sohn des Königs Priamus, führte, damit über diese Sache entschieden würde. Ihm sagte Juno, die Königin der Götter: 'Gib mir diesen Apfel, Jüngling, und ich werde dich zum mächtigsten aller Menschen machen. Sei gewiss, daß du alle Völker regieren wirst und Kräfte im Überfluss haben wirst!' Dann versprach Minerva, die Göttin der Weisheit und der schönen Künste dem Paris, daß er zu seinem Wohle der Klügste von allen sein werde. Schließlich versprach Venus, die Göttin, die Liebe vermittelt, daß ihm die Schönste von allen Frauen des gesamten Erdkreises gegeben werde. Paris überlegte ein wenig, dann aber verschmähte er die Gaben der Juno und der Minerva und gab Venus den Apfel, von dieser unterstützt segelte er nach Sparta, damit er entweder mit Gewalt oder mit List die Frau des Königs Menelaus, jene wunderschöne Helena wegführte. Und in der Tat wurde ihm zuteil, daß er die Königin mit zwei Sklavinnen und gewaltiger Kraft raubte. Aber dieses Unrecht ist der Untergang sowohl seines Heimatlandes, als auch seines Geschlechtes gewesen.

Lektion 28

"0 ihr Götter der Unterwelt; Ich bin nicht zu euch herabgestiegen um euer Reich zu sehen, nicht, um den Zerberus, das entsetzliche Untier, zu fesseln. Grund für mein Kommen ist die Gattin ,die ich eben verlor. Damit ihr sie mir zurückgebt, bin ich als Bittender hier. Wenn sie die Jahre, die ihr zustehen vollendet hat, wird sie euch gehören; wenn sie ihr Leben gelebt hat, wird sie ,ohne sich zu sträuben, dorthin eilen, wohin wir Sterbliche alle streben. lhr übt nämlich die längste Herrschaft über die Menschheit aus. Wenn ihr mir die Gattin zurückgebt, werde ich euch ewig dankbar sein und eure Güte in meinen Liedern stets preisen. Wenn sie mir aber verweigert wird wenn meine Bitten nicht erhört werden, werde ich nicht ans Tageslicht zurückkehren. Freut euch dann am Tod von uns beiden!' Danach rührte Orpheus mit lieblichem Gesang das Herz Proserpinas; auch den König der Toten rührten die Worte des Sängers. Weinend standen die toten Seelen, und weder Tantalus schnappte nach dem entfliehenden Wasser noch wälzte Sisyphus seinen Felsblock,noch quälten die Geier den Tityos, indem sie seine Leber zerfleischten. Damals sah man zum ersten Mal Tränen in den Augen der Furien die über das traurige Geschick des Orpheus Schmerz empfanden! Ihm, der auf solche Weise richt, gab Proserpina die Gattin unter folgender Bedingung: 'Wenn du auf dem Rückweg dich umblickst und Eurydike ansiehst, bevor du noch dieses Reich verlassen hast wirst du sie sogleich verlieren!' Schon schreitet Orpheus davon mit der Gattin, die wegen ihrer Verletzung langsamer geht, schon nähern sie sich dem Rand der Erde, als jener voll heißem Verlangen sich umsieht und sogleich entschwindet Eurydike, seine geliebte Gattin. Als Orpheus zurückkehrte, wies ihn Charon ab und setze ihn kein zweites Mal über. Trotzdem so berichten die Dichter blieb er sieben Nächte dort und weinte und klagte.

Lektion 29

Lange glaubte Ödipus - so hatte Periboia , die Gattin des Polybos , das Findelkind genannt -, er sei der Sohn des Königs. Eines Tages aber beschimpfte ihn einer von den Gleichaltrigen, der auf seine Stärke neidisch war, als 'Bastard' - und die anderen lachten. Sogleich befragte Ödipus Penboia nach seiner Herkunft. Da die Frau nichts Bestimmtes verriet, entschloss er sich, nach Delphi zu gehen, um das Orakel zu befragen. Auf seine Frage erhielt er folgende Antwort: 'Hüte dich davor, deinen Vater zu töten und deine Mutter zu heiraten.' Als Odipus diese Worte vernommen hatte, mied er in seiner Bestürzung Korinth und fuhr mit seinem Wagen nach Theben. In einem Hohlweg kam ihm ein alter Mann entgegen, der auf einem Wagen saß. Als dessen Sklaven riefen, er solle ihrem König den Weg frei machen, zögerte Ödipus ein wenig und siehe! Schon erschlug einer von Ihnen eines seiner Pferde! Wütend, weil das Pferd erschlagen worden war, tötete der junge Mann nicht nur den allzu rabiaten Sklaven sondern auch jenen Alten, ohne zu wissen, wer er war - es war aber Laios, sein eigener Vater! Als die Sonne unterging, erblickte Ödipus nicht weit von den Mauern ein seltsames Wesen, das auf einem Berg saß: die Sphinx, die den Kopf eines Mädchens und den Leib eines Löwen hatte. Diese gab gewöhnlich den Leuten, die nach Theben reisten, ein Rätsel auf. Lösten sie das Rätsel nicht, tötete sie sie grausam. Während Ödipus noch staunte, sagte die Sphinx: 'Welches Lebewesen hat am Morgen vier Beine, am Mittag zwei und am Abend drei?' - 'Der Mensch', erwiderte Ödipus. Als sie diese Lösung vernahm, stürzte sich die Sphinx von ihrem Felsen in die Tiefe. Ödipus aber wurde, weil er die Stadt von dem Ungeheuer befreit hatte, von den Thebanern zum König gemacht und nahm seine Mutter Iokaste zur Frau. Viele Jahre hatte er glücklich gelebt, als plötzlich die Thebaner von einer sehr schweren Seuche heimgesucht wurden. Da die Seher versicherten, die Stadt werde von den Göttern bestraft, weil ein schreckliches Verbrechen begangen worden sei, versprach König Ödipus, nach dem Schuldigen zu suchen. Und tatsächlich fand er ihn, nachdem er viele Menschen befragt hatte: sich selbst!

Lektion 30

Schon zu Lebzeiten des Ödipus hatten dessen Söhne Eteokles und Polyneikes miteinander gestritten, wem nach dem Tod des Vaters die Herrschaft zufallen sollte. Nachdem dieser sich, als seine Untaten entdeckt waren, des Augenblicks beraubt hatte, übertrug er die Herrschaft seinen Söhnen für jeweils ein Jahr. Dann floh er, geführt von seiner Tochter Antigone aus Theben. Als ein Jahr vergangen war, forderte Polyneikes die Herrschaft von seinen Bruder Eteokles. Der aber weigerte sich, den Thron zu räumen. Daher rief Polyneikes Verbündete zusammen, stellte ein großes Heer auf und zog mit sieben Heerführern nach Theben, um die Stadt mit Gewalt einzunehmen. In dieser Hoffnung getäuscht, maß er sich im Zweikampf mit Eteokles. Nachdem beide Brüder in diesem Kampf gefallen waren, wurde Kreon zum König ernannt. Der ließ Eteokles mit höchsten Ehren bestatten, den Leichnam des Polyneikes aber, weil er seine Heimat verraten hatte, den Vögeln und Hunden vorwerfen. Außerdem stellte er Wachen auf, denn er wollte verhindern, daß ihn jemand bei Nacht heimlich zu bestatten wagte. Antigone aber, die nach dem Tod ihres Vaters nach Theben zurückgekehrt war, versuchte, obwohl sie das Gebot des Königs kannte, trotzdem, den Bruder eigenhändig mit Erde zu bedecken. Während sie das tun wollte, wurde sie von den Leuten, die die Leiche bewachten, festgenommen und zum König geführt. Als Kreon fragte: 'Auf wessen Veranlassung hast du meine Weisung mißachtet?', erwiderte sie: 'Auf niemands Veranlassung, ich muß aber den Geboten der Götter mehr gehorchen als den deinen.' Kaum hatte er diese Worte wahrgenommen, da geriet Kreon in höchsten Zorn und ließ das Mädchen lebendig begraben, ohne daß einer seiner Untertanen sich widersetze, ohne daß einer es verhinderte. Haemon allein, der Sohn des Königs, öffnete das Grab und wollte Antigone retten - doch umsonst: Das Mädchen hatte schon selbst seinem Leben ein Ende gemacht. Da es tot war, suchte auch Haemon den Tod, und seine Mutter wurde, als sie vom Schicksal ihres Sohnes hörte, vom Schmerz dahingerafft. Kreon aber bedauerte, nachdem er alle seine Angehörigen durch eigene Schuld verloren hatte, zu spät seinen Starrsinn.

Lektion 31

Viele Jahre lang war jener Dionysios Tyrann von Syrakus, der eine Stadt von höchster Schönheit und ein überaus reiches Staatswesen unterdrückt hielt. Und doch schrieben zuverlässige Gewährsleute, derselbe Mann sei unvorstellbar energisch und von scharfem Verstand gewesen, aber doch auch bösartig von Natur und ungerecht. Da das so war, war er unweigerlich bedauernswert. Er traute nämlich keinem seiner Untertanen, sondern vertraute den Schutz seiner Person Sklaven an und wilden Barbaren, Menschen von höchster Verwegenheit. Da er auch die Rednerbühne nicht zu betreten wagte, sprach er gewöhnlich von einem hohen Turm aus zum Volk. Doch dieser Tyrann wußte selbst zu beurteilen, wie glücklich er war: Denn als ein gewisser Damokles im Gespräch seinen Wohlstand erwähnte und auch seine Schätze, seine Macht, den Glanz seiner Herrschaft und die Größe seines Palastes pries, sagte er: 'Willst du also, mein Damokles, da dir ja dies alles Freude macht, dasselbe Leben führen wie ich und mein Glück kennenlernen?' Und als Damokles versicherte, genau das wolle er, ließ er ihn auf eine goldene Liege legen. Dann befahl er, daß einige Knaben von ausnehmender Schönheit an den Tisch traten und Wein vom besten Geschmack und Speisen aufgetragen wurden, die viel gekostet hatten. Schon hielt sich Damokles für glücklich, als er plötzlich heftig erschrak: Von oben drohte ihm nämlich ein messerscharfes Schwert, und es war zu erkennen, daß eben dieses Schwert an einem Pferdehaar hing! Daher sah er weder jene hübschen Knaben mehr an noch das wunderbar gearbeitete Silbergeschirr, streckte auch die Hand nicht mehr nach dem Tisch aus, sondern bat nur noch darum, weggehen zu dürfen. 'Zur Genüge', sagte er, 'hast du mir, Tyrann , nämlich gezeigt, von welcher Art das Leben der Tyrannen ist. Deine Schätze und Reichtümer sind mir das nicht wert, daß ich ein derartiges Leben führen möchte.

Lektion 32

Wir haben einen Staat von solcher Art, daß wir nicht voll Neid auf die Gesetze anderer Städte schauen; vielmehr geben wir eher selbst manch einem ein Beispiel als daß wir uns an anderen ein Beispiel nehmen. Und mit Namen wird dies Demokratie genannt weil nicht von wenigen, sondern vom Volk alle Macht ausgeht. Gleiche Rechte haben alle Bürger, und niemand wird durch die Niedrigkeit seiner Herkunft behindert, wenn er nur in irgendeinem Bereich dem Staat nützen kann. Da wir in allen Dingen auf Freiheit bedacht sind, hüten wir uns davor, irgendjemands Worte und Taten argwöhnisch unter die Lupe zu nehmen, und sind auch niemandem böse, wenn er etwas nach Lust und Laune tut, falls es nicht irgendein Gesetz verbietet. Unsere Stadt steht allen offen, wir weisen keine Fremden aus und halten niemanden von irgendeiner Instruktion oder Vorführung fern, nicht einmal dann, wenn es wahrscheinlich ist, daß er von unseren Feinden geschickt wurde, um irgendwelche Dinge auszuspionieren. Ich weiß, daß bei bestimmten Völkern Griechenlands die Jungen streng erzogen werden, da man glaubt, daß auf diese Weise ihre Leistungsfähigkeit beträchtlich gesteigert werde. Wir aber sind nicht derselben Ansicht: Wir führen ein angenehmes Leben, wir lieben alles, was schön ist; trotzdem nehmen wir dieselben Gefahren auf uns wie andere: Ohne jede Furcht ziehen wir den Feinden entgegen und erringen meistens den Sieg über sie. Es wird sich aber, wenn jemand die Sache genauer ins Auge faßt, herausstellen, daß diejenigen seelisch gefestigter sind, die sowohl die Freuden wie die Schrecken des Daseins kennen und weder Kämpfen noch Gefahren aus dem Wege gehen. Darum, so glaube ich, kann niemand bezweifeln, daß diese Stadt unerschütterlich eher ist als alle anderen, zumal da ihr alle Meere alle Länder offenstehen. Aus diesem Grund werden wir die Bewunderung sowohl der Menschen unserer eigenen Epoche als auch der künftigen hervorrufen und wünschen uns keinen Dichter, nicht einmal Homer, als Lobredner.

Lektion 33

Ich will euch den Inhalt einer Komödie erzählen, wenn ihr mit Ruhe zuhören wollt. Aber wer nicht zuhören will, soll hinausgehen, damit Platz für jene ist, die zuhören wollen. Der Name dieser griechischen Komödie ist Alazon, lateinisch aber wollen wir, daß jener Mann 'Angeber' genannt wird. Ihr werdet einen Soldaten sehen, der jederzeit seine eigenen Vorzüge loben will, der nicht lieber tut als sich seiner eigenen Taten zu rühmen, auch wenn sie erfundene und falsche sind. Er sagte: 'Alle Frauen, die mich gesehen haben, wollen von keinem anderen geliebt werden als von mir, weil ich von vornehmer Gestalt bin und wegen der Menschlichkeit und Großzügigkeit und weil meine sehr mutigen Taten würdig sind meinen Vorfahren. Ich wollte, ich wäre weniger schön, damit ich nicht von so vielen Frauen gequält werde!' Dennoch scheint ihn keine Frau jemals geliebt zu haben: Alle, die er vorher mit Geschenken und Versprechungen einwickelte, wollten von ihm nicht geliebt werden. Und in Athen entführte er ein sehr schönes Mädchen, das nicht dorthin wollte, und versteckte sie im Haus. Ihr half ich, weil sie nichts lieber wollte als aus seinen Händen zu entfliehen. Schon ist der junge Mann da, den sie als einzigen liebt. Ihre Eltern sollen in Athen große Reichtümer besitzen, und wenn er nicht sparsam ist, werden wir das Mädchen sicher von diesem Tyrannen befreien, besonders weil der Wächter ein sehr dummer Mann zu sein scheint. Wir aber haben mit Hilfe eines alten Mannes einen listigen Hinterhalt vorbereitet. Wollt ihr mehr hören? Ich werde es gleich erzählen: Diesen Soldaten haben wir überredet - aber siehe da: Mein Herr sucht mich! Ich bin schon da Herr, ich höre dir schon zu! Was willst du, was wolltest du, o Zier dieses Jahrhunderts? (Im Weggehen zu den Zuschauern): Jetzt möchte ich, daß ihr freundlich zuhört!

Lektion 34

L: Hallo, Titus, was gibt's neues? Hast du heute auch den Carneadis gehört?

T: Ich wünschte, daß ich ihn nicht gehört hätte! Ich bin nämlich völlig verwirrt, nachdem ich ihn gehört habe.

L: Aus welchem Grund? Erzähle mir; denn ich werde nicht ruhig sein, bis ich nicht alles erfahren habe.

T: Du scheinst wohl zu wissen, wie sehr dieser Caneadis durch den Ruf seiner Beredsamkeit, die Aufmerksamkeit aller auf sich gewendet hat.

L: Gestern allerdings, während er über Gerechtigkeit diskutierte war Cato selbst anwesend.

T: Er ist da gewesen und soll, sobald Carneadis die Rede beendet hat, ihn gelobt haben.

L: Dies ist gewiß erstaunlich, den Cato scheint die Griechen zu hassen.

T: Vielleicht sind sie ihm nicht verhaßt gewesen, bevor er Carneadis zum zweiten mal gehört hatte. Nun haßt er sie sicherlich, aber höre: Heute hat jener äußerst raffinierte Mensch wieder aufgehoben was auch immer er kurz zuvor erörtert hat, hatte er völlig umgestürzt. Er verneinte das dieses das Fundament aller Staaten sei, aber ganz im Gegenteil: Wer auch immer die Gerechtigkeit pflegt ist dumm. Welches Volk auch immer weit und breit geherrscht hat, hat sich seine Machtmittel durch viel Verbrechen und Untaten erworben. Als er dieses gesagt hatte schrieen alle auf, den Carneadis schien über das Reich des römischen Volkes zu diskutieren. Dieser aber sagte, nachdem Stille eingetreten war: Sicherlich ist es Gerechtigkeit keinen Menschen zu töten. Was wird also ein gerechter Mann machen, wenn ein an Kräften schwächerer eine Planke nimmt, nachdem sein Schiff gescheitert ist? Wird er ihn etwa nicht von der Planke vertrieben um sein eigenes Leben zu retten. Wenn er klug ist wird er es tun. Er selbst wird wahrscheinlich zu Grunde gehen, wenn er es nicht macht. Ich glaube, dass alle die ihr eigenes Leben nicht schonen, während sie die anderen schonen, zwar gerecht aber auch dumm sind.

L: Welch ein Frevel! Ich kann mich kaum halten!

T: Sei ruhig mein Freund: Dem Caneades werden diese verderblichen Worte bald leid tun, wenn er die Heimat, aus Rom vertrieben, aufsuchen wird.

Lektion 35

Protagoras trug als junger Mann Lasten, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Einst begegnete ihm, als er viele Holzscheite trug, die nur mit einem Stück Seil zusammengebunden waren, jener weltberühmte Philosoph Demokrit und sah voll Stauen wie der junge Mann obwohl er eine solche Last zu tragen hatte, unbeschwert daherging. 'Wohin', so fragte er, 'trägst du diese Scheite?' Und jener entgegnete: 'Ich trage sie nach Abdera, in die Stadt, um mein Leben zu fristen. Ich bin es gewöhnt, fast täglich Holz dorthin zu tragen.' 'Und wer hat diese Ladung so sachverständig zusammengestellt? Offensichtlich nämlich läßt sie sich von dir leicht tragen, obwohl sie unhandlich zu sein scheint.' - 'Ich habe sie selbst zusammengestellt, um sie leichter tragen zu können.' Darauf riet Demokrit dem Protagoras, seine Arbeit, auch wenn er es eilig habe, ein wenig aufzuschieben. 'Später', meinte er, 'wirst du deine Last lieber tragen. Nun aber berichte, wer du bist und was du treibst.' Nachdem Protagoras das alles vorgetragen hatte, bat ihn Demokrit, die Scheite, die er hergetragen hätte, auseinanderzunehmen und auf dieselbe Weise neu zu packen. Als er das gut erledigt hatte, meinte Demokrit: 'Hebe diese Scheite da nicht mehr auf! Trag sie nicht weg, wohin du sie tragen wolltest. Auch wenn niemand dich unterwiesen hat, besitzt du meiner Meinung nach eine einzigartige Begabung und derartigen Verstand, daß du zusammen mit mir viel Großes schaffen kannst.' So wurde Protagoras selbst von Demokrit weggebracht und erlernte die Philosophie. Ihm soll später von seinen Schülern eine unglaubliche Menge Geld geboten worden sein, weil er versprach, er könne sie lehren, wie sie in der Debatte die schwächere Sache zur stärkeren machen. Protagoras nämlich war zwar ein umstrittener Philosoph, aber der scharfsinnigste aller Sophisten.

Lektion 36

Es gab in Athen ein großes und geräumiges Haus, doch verrufen und lebensgefährlich. In der Stille der Nacht hörte man Klirren von Eisen und Schreie. Bald danach erschien mit trägem Schritt ein Gespenst, ein alter Mann mit schrecklichem Gesicht der mit den Händen Ketten schwang. Deshalb waren für die Leute, die dieses Haus bewohnten, die Nächte bedrückend und entsetzlich, denn jeder fürchtete um sich, viele konnten, wenn die Angst zunahm, keinen Schlaf mehr finden, und gerade den Schwächsten war der Tod sicher. Daraufhin wurde das Haus aufgegeben und ganz diesem Unwesen überlassen. Da kommt der Philosoph Athenodor nach Athen, hört von jenem Haus, fragt und wird über alles informiert. Um das Gespenst mit eigenen Augen zu sehen, bleibt er bei Nacht im vordersten Teil des Hauses und schreibt und liest. Am Anfang nächtliches Schweigen, dann klirrt Eisen, schleifen Ketten. Jener blickt nicht auf, legt den Griffel nicht weg. Danach nimmt das Geklirr zu, kommt näher, läßt sich schon wie auf der Schwelle, schon wie im Zimmer vernehmen. Endlich hebt Athenodor den Kopf und erblickt eben den Alten, von dem er kurz zuvor gehört hat und dessen schrecklichen Anblick er kennt. Der alte Mann stand da und gab mit dem Finger ein Zeichen, als wolle er ihn holen. Nichtsdestoweniger bedeutet ihm Athenodor durch eine Handbewegung, er solle ein wenig warten, und schreibt weiter. Jener klirrt über dem Kopf des Schreibenden mit seinen Ketten. Athenodor bemerkt, daß er dasselbe Zeichen wie vorher macht, erhebt sich und geht mit ihm in den Garten hinaus. Dort verläßt der Alte plötzlich seinen Begleiter. Der Verlassene legt bestimmte Kräuter auf dieselbe Stelle, wo die Erscheinung verschwand. Am folgenden Tag wendet sich Athenodor an die Behörden und beantragt, daß sie jenen Ort aufgraben lassen. Man findet die Leiche eines Menschen, der anscheinend vor vielen Jahren ermordet wurde! Allen schien es glaubhaft, daß es der Leichnam desselben Alten sei, der Athenodor erschienen war, und alle waren sich einig, daß, wenn der Tote nach Brauch bestattet sei, das Haus vom Spuk frei sein werde. Das kam auch so. An jenen heldenhaften Philosophen Athenodor aber erinnerten sich die Athener noch lange.

Lektion 37

Germanicus sendet den Legaten Caecina mit 40 römischen Kohorten durch das Land der Bructerer zum Fluß Ems, die Reiter führt der Praefekt Pedo; er selbst führte mit Schiffen 4 hineingebrachte Legionen über einen See. Nachdem er die Bructerer zerstreut hatte, fand er in der Beute den Adler, der 19. Legion wieder, die mit Varus ausgeschickt gewesen war. Von dort wurde das Heer an die Grenzen der Bructerer, nicht weit vom Teutoburger Wald, wo das tapferste Heer von allen durch die List der Feinde umzingelt und geschlagen worden war. Als es weder eine Möglichkeit zu kämpfen, noch zu entkommen hatte. Germanicus überkam aber das Verlangen, nachzuforschen, wo die Überreste des Varus und der 3 Legionen seien, um den Soldaten und ihrem Führer die letzte Ehre zu erweisen. Nachdem er Caecina zur Erkundung voraus geschickt hatte, betrat Germanicus Orte mit traurigem Anblick und schrecklicher Erinnerung. Mitten auf dem Feld waren die bleichenden Knochen der Soldaten, wie sie geflohen waren, wie sie im Kämpfen Wiederstand leisteten. Dabei lagen zerbrochene Waffen und die Gerippe ihrer Pferde, in den Bäumen aber waren die Schädel der Menschen. Als die Soldaten den nahegelegenen Wald betraten, um ihn zu untersuchen, wurden Altäre der Barbaren gefunden, bei denen die Tribunen und Centurionen getötet worden waren. Allerdings befanden sich im Heer diejenigen, die sich durch Flucht aus jener Niederlage gerettet hatten. Diese berichteten, daß hier die Legaten getötet worden seien, dort die Adler geraubt wurden. Einige erinnerten sich wo Varus die erste, wo er die zweite Verwundung erhalten hatte, wo er durch eigene Hand den Tod gefunden hatte. Daher bedeckte das römische Heer im 6. Jahr nach der bitteren Niederlage die Überreste von 3 Legionen mit Erde und Germanicus legte, weil er das Gedenken der Gefallenen waren wollte, das erste Rasenstück an. Diese Sache hieß Tiberius nicht gut und er tadelte Germanicus, weil er glaubte, daß die Kraft des Heeres gebrochen werde durch die Bestattung so vieler tausend Mensche.

Lektion 38

Während Germanicus noch in Germanien war, verbreitete sich das - wie gewöhnlich übertriebene - Gerücht, das Heer sei umzingelt worden; die meisten Soldaten, so hieß es, seien erschlagen und wenige übrig: Es sah also danach aus, als hätte man eine Niederlage, schwerer als die von Cannae, erlitten. Schon fürchteten die Menschen in größter Bestürzung, die Germanen wurden in hellen Haufen auf Gallien losmarschieren, schon versuchten sie, die Rheinbrücke abzubrechen. Und tatsächlich wäre die Brücke zerstört worden, wenn nicht Agrippina, die Frau des Germanicus, die verhängnisvollste Tat verhindert hätte. Denn diese Frau, die tapferer war als die meisten Männer, erfüllte während dieser Tage die Aufgaben eines Feldherrn aufs Beste: Sie ermutigte die Verstörten, sorgte für die Bedürftigen durch Geldspenden und verteilte unter die Soldaten, wenn einer mittellos war oder verwundet war, Kleidung und Verbandzeug. C . Plinitis der Ältere, der Historiker der Germanenkriege, berichtet, sie habe an der Brücke gestanden und habe den heimkehrenden Legionen gedankt. Daß Tiberius dies übelnahm, ist hinreichend bekannt. Denn da er stets lieber das Schlechtere als das Bessere annahm und vor dem Geringfügigsten Angst hatte, vermutete er, Agrippina wolle sich auf diese Weise die Zuneigung der Soldaten gewinnen und könne es auch ganz leicht. Er erinnerte sich auch, daß von ihr eine Meuterei niedergeschlagen worden sei, und ärgerte sich darüber, daß sie ihren Sohn im Lager herumtrug und darauf Wert legte, daß man ihn Caesar Caligula nannte. Daher drang Tiberius, der Germanicus schon in zahlreichen Briefen ermahnt hatte, nicht mehr Zeit zu verlieren und die Gelegenheit zur Feier eines Triumphs nicht verstreichen zu lassen schließlich energischer darauf, daß er nach Rom zurückkehrte. Auch Germanicus, der schon dabei war, neue Feldräge zu planen, verlängerte seinen Aufenthalt in Germanien nicht, obwohl er einsah, daß er aus Gehässigkeit nach Italien zurückbeordert wurde.

Lektion 39

Auf den Ackerbau legen die Germanen keinen großen Wert und der größte Teil ihrer Nahrung besteht aus Milch, Käse und Fleisch. Auch hat niemand eine bestimmte Menge Land oder eigenen Grundbesitz vielmehr weisen die Würdenträger und Häuptlinge für je ein Jahr ihren Stämmen die Felder zur Bestellung zu und zwingen sie im Jahr darauf, sich anderswohin zu begeben. Für diesen Brauch führen sie zahlreiche Gründe an: Damit nicht das Bestreben, Krieg zu führen verringert werde; damit sie nicht danach trachteten, ausgedehnten Grundbesitz zu erwerben und die Mächtigeren die kleinen Leute von ihren Feldern vertrieben; damit sie nicht ihre Häuser zu sorgsam bauten, um Kälte und Hitze zu meiden; damit kein Verlangen nach Geldbesitz entstehe, da ein jeder sehen könne daß sein Vermögen dem der Mächtigsten gleich sei. Es ist für die Stämme äußerst rühmlich wenn sie möglichst weit um sich, weil das Gebiet verwüstet ist, Einöden haben. Zugleich glauben sie, auf diese Weise sicherer zu sein. Raubzüge bringen niemandem Schande, sofern sie außerhalb des jeweiligen Stammesgebiets erfolgen, und sie behaupten sie fänden statt, um die jungen Leute zu ertüchtigen und dem Müßiggang zu wehren. Und sobald einer von den Häuptlingen in der Versammlung erklärt, er wolle der Anführer sein in dem geplanten Krieg versprechen diejenigen ihre Hilfe, die darauf aus sind, sich Ruhm oder Beute zu erwerben, und werden von der Menge gelobt. Die aber, die lieber daheim bleiben wollen, erfahren Tadel und Verachtung. Einen Gast zu verletzen halten sie für einen Frevel. Alle die, aus welchem Grund auch immer, zu ihnen kommen beschützen sie vor Unrecht und halten sie für unverletzlich, diesen stehen alle Häuser offen und man teilt sein Brot mit ihnen.

Lektion 40

Weihung für Fortuna

Der heiligen Göttin Fortuna haben das vor Alter eingestürzte Badehaus die Kundschafter und
Offiziere der Brittonen aus eigenen Mitteln neu errichtet, wobei Titus Flavius Romanus, der
Zenturio der 22. Legion, der Allerersten, Gewissenhaften und Treuen, Aufsicht führte. Am 13.
August, unter dem Konsulat des Lupus und des Maximus.

Entlassungsurkunde

Der Kaiser Trajanus Hadrianus Augustus Cäsar, Sohn des vergöttlichten Trajanus, des Siegers über die Parther, und Enkel des vergöttlichten Nerva, der oberste Priester, im 18. Jahr seiner tribunizischen Amtsgewalt und in seinem 3. Konsulat, der Vater des Vaterlands, hat den Reitern und Infanteristen, die in der 1. Reiterabteilung und 15 Kohorten gedient, ihre 25 Dienstjahre abgeleistet haben und ehrenvoll entlassen sind (ihre Namen werden weiter unten aufgeführt), für ihre eigene Person, ihre Kinder und Nachkommen das Bürgerrecht verliehen sowie die vollgültige Ehe mit den Frauen, die sie damals hatten, als ihnen das Bürgerrecht verliehen wurde, bzw., wenn welche noch unverheiratet sein sollten, mit denen, die sie später heirateten, natürlich jeder nur eine. Am 15. Oktober unter dem Konsulat des Publius Licinius Pansa und des Lucius Attius Macer.

Grabschrift

Den Totengöttern. Lucius Aemilius, der Sohn des Lucius, aus der Tribus Claudia Crescens, ein
Kölner, Soldat der 23. Legion, der Zwillingsschwester, Mars-Beschützten, Siegreichen, aus
der Zentune des Valenus Bassus, verstorben im Alter von 33 Jahren, nach 13 Dienstjahren. L. Aemilius Mansuetus und L. Aemilius Albanus seine Brüder und Erben, haben dieses Grabmal errichten lassen.

Dankbare Schüler

Um die Erinnerung zu bewahren und lebendig zu halten an ihre Lehrer und Väter Justinian... und Nykteros haben Concordius und Hemenus, die staatlichen Opferschauer der Stadt Trier, diesen Denkstein errichtet.

Ermordet!

lucundus, der Freigelassene des Mareus Terentius, ein Viehzüchter.

Wer immer dies im Vorbeigehen liest: Wanderer, bleib stehen und sieh, wie ich unwürdig dahingerafft vergeblich klage. Ich konnte nicht länger leben als 30 Jahre, denn ein Sklave entriss mir das Leben und stürzte sich selbst in den Strom. Ihm nahm der Main, was er dem Herin entriss.

Der ehemalige Herr (des Freigelassenen) hat aus eigenen Mitteln diesen Stein aufstellen lassen.

Ein Felsbild für Mithras

Dem unbesiegbaren Gott Mithras den gebärenden Felsen: Senilius Carantinus, ein Bürger aus dem Stamm der Mediomatriker, hat sein Gelübde froh und willig, wie es sich gehört, eingelöst.

Soldat und Christ

Hier liegt Emeterius, ein Zenturio aus der Zahl der Nichtrömer, der fünfzig Jahre lebte und mehr oder weniger 25 Jahre diente.

Gott dem Herrn ergeben.

Lektion 41

Wer weiss nicht, dass ich von Jugend an die Gesetze und Gepflogenheiten meines Volkes befolgt und das Leben der Pharisäer geführt habe? Stets nämlich trachtete ich danach, Weisheit und Gerechtigkeit hochzuhalten und Frevler zu bestrafen. Aus diesem Grund war ich auch wütend auf die, ich trachtete ihnen sogar nach dem Leben, deren Lehre die Juden eine Irrlehre nennen.
Ich jedenfalls hielt es für richtig, viel gegen den Namen des Jesus von Nazareth ins Werk zu setzen, und als ich in die Stadt Jerusalem kam, machte ich viele von den Heiligen (= den ersten Christen), die ich fassen konnte, zu Angeklagten und schloß sie in Kerkern ein; dort mußten sie großes Leid ertragen und kamen jämmerlich ums Leben. Wie sehr mich diese Sache nun beschämt und reut, dafür ist Gott mein Zeuge. Später begann ich, die Christen, um sie aufzuspüren und um sie verurteilen zu lassen, bis in andere Städte zu verfolgen, doch als ich nach Damaskus aufgebrochen war, sah ich, nicht viele Meilen von der Stadt entfernt am Mittag, wie mich und die, die mir folgen, auf der Straße vom Himmel Licht umstrahlte. Und als wir alle zu Boden gestürzt waren, hörte ich eine Stimme sprechen: ,,Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?"
Verwundert über ein solches Wort fragte ich: ,,Herr, wer bist du?" Der Herr aber sprach: ,,Ich bin Jesus, den du verfolgst. Doch erhebe dich, denn ich werde dich zu meinem Diener machen!"
Seit dieser Zeit nenne ich mich Paulus und befolge Christi Lehre und werde niemals einen Sturz und jenen Tag vergessen, an dem Christus selbst mit mir gesprochen hat."

Lektion 42

Die meisten der Glaubensbrüder baten Petrus, er solle für sich sorgen und aus Rom weggehen; er aber erwiderte: Es gehört sich nicht für einen wahren Christen, das Leben so hoch zu schätzen, dass er, ohne an das Leiden unseres Herrn zu denken, vor dem Leiden flieht."
Sie aber flehten ihn unter vielen Tränen an und sprachen: ,,Sei unser eingedenk, Vater, und an den Teil der Jüngeren, die noch zu wenig Glaubensstärke haben. Ihnen allen liegt viel daran, dass du gesund bleibst. Daher begib dich auf die Flucht, damit du nicht umkommst!"
Auch die Gefängniswärter, die ihre Pflicht reute, ermahnten ihn sehr: ,,Herr, geh, wohin du willst, weil wir glauben, dass der Kaiser dich bereits vergessen hat. Doch jener höchst ungerechte Agrippa, dessen Frau du mit dem Verlangen nach einem keuschen Leben erfüllt hast, arbeitet aus Liebe zu seiner Frau und aus Hass gegen dich einzig darauf hin, dass du zum Tode verurteilt und hingerichtet wirst."
Als Petrus, ein Mann von höchstem Erbarmen, schließlich einsah, wie viel den Brüdern daran lag, dass er lebte, versprach er, sich in der nächsten Nacht früh genug auf den Weg zu machen.
,,Keiner von euch", sprach er, ,,soll mit mir kommen, damit es nicht so aussieht, als wisse er von meiner Flucht!" Er ermahnte die Brüder, seiner zu gedenken und den Mut nicht sinken zu lassen; dann verließ er den Kerker.
Sobald er aber aus dem Stadttor getreten war, sah er, dass Christus ihm entgegenkam und fragte: ,,Herr, wohin gehst du?" Der aber: ,,Ich komme nach Rom, damit ich zum zweiten Mal gekreuzigt werde, weil du pflichtvergessen fliehst." Sogleich kehrte Petrus nach Rom zurück, wo er wegen Majestätsbeleidigung verurteilt wurde und das Martyrium erlitt.

Lektion 43

Gaius Plinius hatte, solange er die Provinz Bithynien leitete, die Gewohnheit, den Kaiser Trajan, der ihm besonders gewogen war, bei allen zweifelhaften Dingen um Rat zu fragen, was zu tun sei. Aus diesem Grund schrieb er, als ihm eine anonyme Liste vorgelegt wurde, die die Namen vieler Christen enthielt, dem Trajan etwa folgendes:
,,An Untersuchungen gegen Christen habe ich nie teilgenommen; daher weiß ich nicht, was man ihnen vorwirft und was ich entweder zu bestrafen oder herauszufinden habe. Auch war ich nicht wenig im Zweifel, ob es irgendeinen Unterschied für die Altersstufen gibt oder ob kein Unterschied gemacht werden soll zwischen Kindern und Erwachsenen (,,ob sich Zarte nicht von Stärkeren unterscheiden sollen", ob man im Fall der Reue Verzeihung gewähren soll, ob es einem, der irgendwann ein Christ war, nicht Rettung bringt, dass er aufgehört hat, und ob die Zugehörigkeit selbst zu bestrafen ist oder die mit der Zugehörigkeit zusammenhängenden Schandtaten. Inzwischen folgte ich denen, die mir als Christen angezeigt wurden, an folgendes Verfahren: Ich fragte sie selber, ob sie Christen seien. Gaben sie es zu, fragte ich ein zweites und drittes Mal unter Androhung der Todesstrafe diejenigen, die bei ihrer Aussage blieben, ließ ich abführen. Ich hatte nämlich keinen Zweifel, dass, was immer es sein mochte, wozu sie sich bekannten, jedenfalls ihr Starrsinn bestraft werden müsse. Es gab andere von ähnlicher Verrücktheit, die ich, weil sie römische Bürger waren, zur Verschickung in die Hauptstadt vormerkte.
Die aber, bestritten, Christen entweder zu sein oder gewesen zu sein, und die deinem Bildnis ihre Verehrung erwiesen, glaubte ich freilassen zu dürfen."
Darauf antwortete der Kaiser folgendermaßen:
,,Du hast bei der Untersuchung der Fälle derer, die dir als Christen angezeigt worden waren, das Verfahren befolgt, das du befolgen mußtest. Sie sollen nämlich nicht von den Behörden aufgespürt werden. Falls man sie anzeigt und beschuldigt, sind sie zu bestrafen, jedoch in der Weise, dass derjenige, der erklärt, kein Christ zu sein, und das dadurch nachweist, das er unseren Göttern opfert, Verzeihung erhält, mag er sich auch in der Vergangenheit verdächtig gemacht haben. Anonyme Anzeigen aber dürfen bei keinem Vorwurf einen Platz haben: Wenn wir nämlich die annähmen, würden wir schlechtesten Beispielen folgen."

Lektion 44

Im Jahr 312 n.Chr. hatte Maxentius aus Haß und Abneigung Konstantin den Krieg angesagt. Und obwohl er sich selbst innerhalb der Mauern aufhielt, weil er ein Orakel befragt (,,gebraucht" und die Antwort erhalten hatte, er werde im Krieg umkommen, wenn er die Stadt verlasse, glaubte er sich vor Gefahr sicher und war voll guten Mutes, denn treue und geeignete Feldherrn, Männer von ausgezeichneter Kühnheit, führten die Sache für ihn.
Außerdem war sein Heer viel größer als die Truppen Konstantins.
Aber obwohl dieser an Zahl der Soldaten dem Maxentius nicht gleichkam, ließ er im Vertrauen auf göttliche Hilfe die Legionen näher an die Stadt heranrücken. Allerdings wußte er nicht, auf welchen von den Unsterblichen er seine Hoffnung setzen, von welchem er den Sieg erhoffen, welchem er Opfer geloben solle.
Doch an dem Tag, an dem vor fünf Jahren M. die Herrschaft übernommen hatte, widerfuhr dem Konstantin etwas Wunderbares. Am Mittag, als er zufällig den Himmel betrachtete, sah er mit eigenen Augen ein Kreuz, das in hellem Licht erstrahlte, und dabei geschrieben folgende Worte: ,,Damit siege!" Diese Sache glaubte Konstantin nicht mißachten zu dürfen; daher ließ er sogleich die Schilde seiner Soldaten mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnen und zog gegen den Feind.
Schon stoßen die Heere in gleicher Front zusammen, schon wird mit höchster Kraft gekämpft, schon wenden sich die Feinde zur Flucht und suchen in raschestem Lauf die Stadt zu erreichen, als Maxentius, bedrängt von der Menge der Flüchtenden, von der Brücke gestoßen wird und in den Tiber stürzt.
Als der Krieg, der viel Blut gekostet hatte beendet war, wurde Konstantin unter höchster Freude des Senats und des römischen Volkes in Rom aufgenommen.

Lektion 45

Dies, so schrieb der heilige Benedikt, ein Mann von höchster Frömmigkeit und höchstem Ansehen, seien die Aufgaben der Mönche:
Gott den Herrn lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzer Tüchtigkeit, und dann den Nächsten wie sich selbst.
Alle Menschen ehren.
Arme und Bedürftige erquicken, den Nackten kleiden, den Schwachen besuchen, den Toten begraben, den Trauernden trösten.
Die Wahrheit mit Herz und Mund bekennen.
Nicht Böses mit Bösem vergelten.
Unrecht nicht tun, sondern, auch wenn es einem zugefügt wird, es geduldig ertragen.
Seine Feinde lieben. Verfolgung leiden für die Gerechtigkeit.
Den Tag des Jüngsten Gerichts fürchten.
Den Tod täglich vor Augen haben. Seinen Lebenswandel zu jeder Stunde überwachen.
Sich gewiss sein, dass Gott einen an jedem Ort sieht. Nicht gern viel reden. Nichtige Worte nicht von sich geben. Nicht schwören.
Keinen Neid üben. Niemanden hassen.
Die Älteren verehren und die Jüngeren lieben.
In Christi Liebe für seine Feinde beten. Sich mit einem Streitenden vor Sonnenuntergang versöhnen. Seine vergangenen bösen Taten unter Tränen täglich im Gebet Gott bekennen.
Die Begierden des Fleisches nicht erfüllen. Den eigenen Willen hassen.
Den Weisungen des Abts in allem gehorchen, auch wenn er selbst, was ferne sei, sich anders verhält, im Gedanken an jenes Gebot des Herrn: ,,Was sie sagen, das tut, was sie aber tun, das tut nicht."

Lektion 46

Der Kaiser und der Kalif

Karl mehrte auch den Ruhm seiner Herrschaft dadurch, dass er bestimmte Könige und Völker sich in Freundschaft verband. Mit Harun, dem König der Perser, der mit Ausnahme Indiens fast das ganze Morgenland beherrschte, hatte er in der Freundschaft solche Eintracht, dass dieser seine Freundschaft der aller Könige und Fürsten, die auf der ganzen Welt waren, vorzog und meinte, er müsse allein jenen durch Ehre und Gaben verehren. Als nämlich Abgesandte Karls, die er mit Geschenken zum Grab unseres Herrn gesandt hatte, zu ihm kamen und ihm den Wunsch ihres Herrn mitteilten, gestattete er nicht nur, dass geschah, was verlangt wurde, sondern trat ihnen auch jenen heiligen Ort ab. Und als die Gesandten heimkehrten, fügte er die Seinen hinzu und gab jenem neben Gewändern und Gewürzen und den übrigen Schätzen der östlichen Länder ungeheure Geschenke, nachdem er ihm vor ein paar Jahren auf seine Bitten hin den einzigen Elefanten, den er damals besaß, geschickt hatte.

...nur Schreiben fiel ihm schwer

Karl war von großer Beredsamkeit und konnte alles, was er wollte, auf das klarste ausdrücken. Und nicht mit seiner Muttersprache zufrieden, bemühte er sich auch darum, Fremdsprachen zu erlernen. Von diesen lernte er die lateinische so, dass er sie gewöhnlich ebenso geläufig sprach wie seine Muttersprache. Das Griechische aber konnte er besser verstehen als er es sprach. Die Freien Künste (d.h. die sieben klassischen Unterrichtsfächer) pflegte er mit großem Eifer und erwies ihren Lehrern große Ehren. Beim Erlernen der Grammatik hörte er den alten Petrus aus Pisa, in den übrigen Fächern hatte er Alkuin, ebenfalls einen Hilfsgeistlichen, einen Menschen von sächsischer Abkunft (einen Angelsachsen) aus England, einen hochgebildeten Mann, zum Lehren. Bei diesem verwandte er auf das Erlernen der Rhetorik und Dialektik, besonders aber der Astronomie, sehr viel Zeit und Mühe. Er versuchte auch zu schreiben und trug gewöhnlich Schreibtäfelchen bei sich, um, wenn er freie Zeit hatte, Buchstaben nachzumalen, doch dieses zu spät begonnene Unternehmen ging zu wenig voran.


Lektion 47

Ich werde zunächst von erstaunlichen Werken der Kunst und der Natur berichten, um später deren Ursachen und Art zu erklären; bei diesen ist nichts Magisches im Spiel, dass es Nicht zeigt, wie jede Zauberkraft diesen Schöpfungen unterlegen und ihrer unwürdig ist.
Denn es können Geräte für die Seefahrt entwickelt werden, die keine Ruderer benötigen, so dass gewaltige Schiffe, während ein einziger Mann sie steuert, mit größerer Geschwindigkeit dahinfahren, als wenn sie voller Leute wären.
Desgleichen können Wagen so gebaut werden, daß sie ohne Zugtier mit unglaublichem Schwung bewegt werden. Desgleichen können Fluggeräte so entwickelt werden, dass ein Mensch mitten im Gerät sitzt, der irgendeine Maschine bedient, mit deren Hilfe künstliche Flügel die Luft schlagen nach Art eines fliegenden Vogels.
Es können auch Geräte gebaut werden, um im Meer oder in Flüssen zu Fuß zu gehen; denn schon Alexander der Große hat diese benutzt, um die Geheimnisse des Meeres zu sehen.
Diese Dinge sind aber sowohl in den alten wie in unseren Zeiten geschaffen worden, abgesehen von dem Fluggerät, das ich nicht gesehen habe; ich kenne auch keinen Menschen, der es gesehen hätte.
Doch viel von der Au kann gemacht werden, wie zum Beispiel pfeilerlose Brücken über Flüsse und unerhörte Maschinen.

Lektion 48

Ein strenger Lehrer

Ich hatte einen Lehrer, der ein ausgezeichneter Grammatiker war.
Er führte mich an die Grammatik heran, und er führte mich so, dass ich Satzbaupläne machte. Er zwang mich, die Regeln des Satzbaus an zwanzig oder dreißig Vergilversen wiederzugeben. Nichts ließ er mich übergehen.
Wenn ich mich irrte, verabreichte er mir Schläge, aber doch mit der Zurückhaltung, die angebracht war. So machte er mich zum Grammatiker.
Er war ein sehr tüchtiger Mann und hatte mich lieb wie seinen Sohn, und ich ihn wie meinen Vater.
Ja, jener wurde von mir geliebt, obwohl er so streng war (diese Strenge zeigte/gebrauchte).
Indes war es keine Strenge, sondern eine väterliche Züchtigung, die mich zur Gründlichkeit anhielt.
Abends wurde ich gezwungen, mir die Regeln anzueignen, damit ich sie aufsagen konnte. Ihr seht, dass der Unterricht strenger war als er jetzt ist.


Literatur und Bildung

Es liegt nicht wenig daran, an welcher Art von Literatur sich die jungen Leute bilden, sowohl aus vielen anderen Gründen als ganz besonders deshalb, weil nichts wirksamer ist, die geistigen Fähigkeiten und den Charakter der Menschen zu verändern, als literarische Werke.
Denn fast stets ist ein jeder so, wie ihn sein Bildungsgang formt, und kein Werk der Literatur scheint mir gut außer denen, die guten Geistes sind.
Daher ist es besser, die Jugend an den besten Schriften zu bilden, denn den besten Charakter bringen die besten Bücher.
So bleibt also übrig, ihr jungen Männer, dass ihr euch etwas zutraut, wiewohl die Sache sich so verhält, dass schwierig ist, was schön ist. Trotzdem wird euer Fleiß mit der Schwierigkeit so fertig werden, dass ich hoffe, ihr werdet euch mit weitaus geringerer Anstrengung das Gute aneignen als das Schlechte.

Lektion 49

Das aber ist von allem das Widersinnigste: In beiden Lagern, in beiden Heeren funkelt das Kreuzeszeichen, in beiden feiert man Gottesdienste.
Ich möchte wissen, warum bei diesen Feiern ein Soldat das "Vater unser" betet.
Du hartherziger Mensch, du wagst Gott Vater zu nennen, der du deinem Bruder nach dem Leben trachtest?
,,Geheiligt werde dein Name!" Auf welche Weise konnte der Name Gottes mehr entheiligt werden als durch derartige Aufruhr unter euch?
,,Dein Reich komme!" So betest du, der du mit so viel Blut deine tyrannische Herrschaft festigst?
,,Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden!"
Frieden will jener, und du rüstest zum Krieg?
,,(Unser) Tägliches Brot" verlangst du vom gemeinsamen Vater, der du die Felder deines Bruders verwüstest und es lieber hast, dass sie auch für dich zugrunde gehen, als dass sie jenem nützen?
Mit welchem Gedanken aber wirst du sprechen: ,,Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!" - Du, der du es eilig hast, deine Brüder umzubringen.
Du bittest darum, die Gefahr der Versuchung von dir abzuwenden, der du unter deiner Gefahr den Bruder in Gefahr bringst?
,,Vom Bösen" willst du befreit werden, unter dessen Einwirkung du deinem Bruder das höchste Übel bereiten willst?

Lektion 50

Wenn ich oft bei mir die Taten unserer Ahnen und anderer Könige und Völker bedenke, scheinen mir die unseren nicht nur durch die Ausdehnung ihrer Herrschaft, sondern auch ihrer Sprache alle übrigen übertroffen zu haben.
Denn es steht zwar fest, dass die Perser, Meder, Assyrer und viele andere weit und breit Macht errungen und ihre Herrschaft lange behauptet haben.
Aber keine haben ihre Sprache so verbreitet, wie es die unseren taten, die fast über das ganze Abendland, den Norden und keinen geringen Teil Afrikas die lateinische Sprache gewissermaßen zur Königin machten und, was die Provinzen selbst angeht, sozusagen als bestes Saatgut zur Aussaat anboten.
Dieses Werk ist ohne Zweifel bei weitem rühmlicher als die Ausdehnung der Herrschaft selbst. Denn diejenigen, die ihre Macht mehren, ehrt man gewöhnlich hoch und nennt sie Herrscher.
Diejenigen aber, die den Menschen irgendwelche Wohltaten erwiesen haben, werden nicht mit menschlichem, sondern göttlichem Lobpreis ausgezeichnet, da sie nicht nur für den Ruhm ihrer eigenen Heimatstadt sorgen, sondern auch für den allgemeinen Nutzen und das Wohlergehen der Menschen.
Darum haben unsere Vorfahren durch ihre Kriegstaten die übrigen Menschen übertroffen, aber durch die Ausbreitung ihrer Sprache sich selbst.
Wird es etwa, wenn Ceres, weil sie das Getreide, Bacchus, weil er den Wein, Minerva, weil sie die Künste erfand, unter die Götter versetzt wurden, weniger gelten, die lateinische Sprache in der Welt verbreitet zu haben?

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